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  Seminar Sommersemester 2000:
"Zensur und Verbote in den
populärkulturellen Medien Deutschlands"
   
 

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  Victoria Bahle
 


Zensur in der
Literatur

 

 

1. Einleitung

Zensur bzw. Indizierung von Büchern existiert seit den Anfängen der Literatur; von jeher wurden Bücher verboten, zensiert, verbrannt und die Autoren verfolgt. Indiziert wurden meistens Bücher aus den zwei folgenden großen Gruppen: 1. zeitkritische und 2. sexuell-freizügige Literatur.
Nicht indiziert wurden jedoch Werke, welche die entsprechenden mächtigen Männer und die Auffassung von Staat, Religion und Moral der jeweiligen Epoche lobten (vgl. Buschmann 1997:116 / Schütz 1990:7).
Heutzutage kann man natürlich nicht mehr davon ausgehen daß Anträge auf Indizierung aus solchen, wie oben genannten Gründen, abgelehnt werden. Vielmehr geht es in aktuelleren Fällen um den Zwiespalt zwischen der Kunstfreiheit und dem Jugendschutz.
Dieser große Streitpunkt, wenn es um Zensur allgemein geht, der Begriff der Kunst, spielt in der Literaturzensur eine besonders große Rolle. Es gilt der Grundsatz „Kunstschutz geht vor Jugendschutz", so daß ein Text, der als jugendgefährdend beurteilt wird, nicht indiziert werden kann wenn er die Tatbestandsmerkmale des Kunstbegriffes im Urteil des BVerfG erfüllt, also als Kunst angesehen wird. Will man ein Buch dennoch indizieren, so muß das Schriftwerk andere Rechtsgüter verletzen als „nur" jugendgefährdend zu sein (vgl. Dankert 1988: 187).
Wer aber übernimmt die Aufgabe zu entscheiden, ob es sich bei einem literarischen Werk um Kunst handelt oder nicht? Die Bundesprüfstelle (BPS). Kritiker bemängeln jedoch, daß die BPS willkürlich zusammen gesetzt sei und daß eine „pluralistische und zugleich auch sozial-ethisch-pädagogische sowie auf künstlerischem Gebiet sachkundige Zusammensetzung" des 12-er Gremiums der BPS nicht gesichert sei (vgl. Dankert 1988: 189).
Allerdings könnte man sich hier die Frage stellen, ob überhaupt irgend jemand ein künstlerisches Sachverständnis besitzt, das ihn befähigen könnte, zu entscheiden ob ein Buch als Kunst betrachtet werden kann oder nicht.
Die Bücherzensur wird unterschieden in zwei Formen, in die der Präventivzensur und der Nachzensur. Die Präventivzensur wird seit Jahrhunderten als die übliche Form der Zensur angesehen, ein Buch wird vor der Veröffentlichung von einer bestimmten Behörde geprüft und dann ggf. zensiert bzw. indiziert. Die Nachzensur prüft ein Werk erst nach der Veröffentlichung. Das Buch kann dann eingezogen oder vernichtet werden.

Wie wird literarische Zensur begründet?

· In der literarischen Zensur gibt es drei große Bezugspunkte:

a) Literarische Zensur unter religiösem Aspekt

b) Literarische Zensur unter politischem Aspekt

c) Literarische Zensur unter moralischem Aspekt

Der religiöse Aspekt bezieht sich auf die Gotteslästerung die nach dem bundesdeutschen Strafgesetzbuch derjenige begeht, der „öffentlich in beschimpfenden Äußerungen Gott lästert, ein Ärgernis gibt oder wer öffentlich einer der christlichen Kirchen oder eine andere im Staate bestehende Religionsgemeinschaft des öffentlichen Rechts oder ihre Einrichtungen und Gebräuche beschimpft" (zitiert nach Buschmann 1997: 118).
Seit der Strafrechtsreform 1969 gibt es jedoch aus juristischer Sicht keine Gotteslästerung mehr. Strafbar ist nunmehr die Beschimpfung von religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnissen, allerdings nur dann, wenn die Äußerungen dazu geeignet sind den öffentlichen Frieden zu stören (vgl. Buschmann 1997: 51).
Der politische Aspekt befaßt sich mit den Begriffen Verrat und Verleumdung: hier werden literarische Produkte entweder als landesverräterisch oder als verleumderisch bezeichnet, wobei der erstgenannte Begriff sachlichen Charakter hat und der zweite sich eher auf Personen im politischen Umfeld bezieht.
Im Bereich der Moral spricht man von Sittenlosigkeit. Dieses ist ein universal gültiger Terminus, der in verschiedensten Ländern seit Beginn der Zensur verwendet wurde.

· Im politischen Kampf um die literarische Zensur wurden oftmals polemische Umschreibungen oder Begriffe mit Schlagwort - Charakter genutzt, um bei der Bevölkerung Emotionalität hervorzurufen. Mit solchen Begriffen ist oder war es möglich, „die Gefühlsstrukturen breiter sozialer Schichten zu mobilisieren" (zitiert nach Buschmann 1997: 119).

Subversive Literatur: dieser Begriff wurde (bzw. wird) im politischen wie auch im moralischen Feld angewendet. Er besitzt allerdings keine präzise Definition sondern vielmehr nur einen Schlagwort – Charakter. Der Begriff „subversiv" kann mit „umstürzlerisch" oder „zerstörend" beschrieben werden.

Obszöne und pornographische Literatur: auch hier gibt es keine präzise Definition

Obszön hat eine Vielzahl von Deutungsmöglichkeiten und wirkt somit ebenfalls als Schlagwort: pikant, unschicklich, ungebührlich, frech, verdorben (etwas enger begriffen identisch mit unanständig, unzüchtig, unrein, unkeusch).

Der Begriff der Pornographie kann einmal aus dem Griechischen übersetzt werden: griech. Porne = Dirne, griech. graphein = betrachten. (etwa: eine Dirne betrachten).

Weiterhin wurde das Wort „pornographisch" aber auch volkstümlich interpretiert als „von einem schlechten Menschen zur Reizung der Lust für Geld geschrieben".

Jugendgefährdende Literatur: dieser Terminus wurde früher als allgemein gültig genutzt, neuere Tendenzen sehen die Gefahr für Jugendliche nur noch im sexuellen Bereich.

Pseudowissenschaftliche Literatur: entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg. Vor allem durch die Verunsicherung der Menschen und deren Leichtgläubigkeit konnte man Begriffe wie Alchemie, Parapsychologie etc. verwenden, um literarische Werke negativ zu bewerten und letztendlich zu verbieten (vgl. Buschmann 1997:117-121).

 

Einige Fälle der literarischen Zensur in Deutschland:

a) Goethe und Schiller:

· Goethes „Götz von Berlichingen" (1773) erschien anonym und auf eigene Kosten im Druck. Als er 1771 Freunden das Manuskript seines Dramas „Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eigenen Hand dramatisirt" vorlegte, rieten diese ihm, Kraftausdrücke auszutauschen. So entzog er sein Werk schon zu diesem Zeitpunkt der Vorzensur. Seinem Freund F.W. Gotter, den er um eine Bearbeitung des Stückes bat, schrieb Goethe:

[ ...]

Und bring´, da hast Du meinen Danck,

Mich vor der Weiblein ohn´ Gestank.

Muß alle garst´gen Worte lindern,

Aus Scheiskerl Schurken, aus Arsch mach Hintern,

Und gleich´ das Alles so fortan,

Wie du´s wohl ehmals schon getan

(zitiert nach Breuer 1982: 145)

(Vgl. Breuer 1982: 145 / Schütz 1990: 82)

Trotz der Vorzensur wurde im Nachhinein auch noch durch die Theaterdirektoren eingegriffen, denn diese hatten ebenfalls Angst vor Zensur. Die Stücke mußten jeweils den Städten,

ihren Bewohnern und Gegebenheiten angepaßt werden, in denen eine Aufführung stattfinden sollte.

· Schiller unterzog seinen „Don Carlos" 1787 ebenfalls der Vorzensur. Mit einem beigefügten Brief schickte er sein Werk zum Theaterdirektor Hamburgs, in dem er ihm erlaubte, bestimmte von ihm gekennzeichnete Stellen wegzulassen, sofern sie für die Hamburger Bürger unpässlich seien. Sollten Namen und Kleidung nicht angebracht sein, so hatte der Theaterdirektor die Erlaubnis diese eigenmächtig auszutauschen (vgl. Schütz 1990: 82-83).

 

b) Günther Grass: „Katz und Maus" (1961):

Das Buch „Katz und Maus" von Günther Grass wird von der wissenschaftlichen Fachliteratur als ein gutes Beispiel dafür angesehen, daß der Vorwurf der Obszönität oder Pornographie dafür benutzt wurde, um unerwünschte Schriftsteller und Literatur aus dem Wege zu räumen

(vgl. Ogan 1988: 125).

Im Juni 1962 stellte der Hessische Minister für Arbeit, Volkswohlfahrt und Gesundheitswesen (Vertreten durch Dr. Englert) den Antrag auf Indizierung des Buches:

„Die beanstandeten Passagen, die derartige bis ins einzelne gehende Szenen mit betonter Ausführlichkeit bringen, sind ohne jeden erkennbaren Sinn in die Erzählung eingestreut worden. Die Art und Weise dieser Darstellungen läßt den Schluß zu, daß sie nur des obszönen Reizes willen aufgenommen wurden. Sie sind geeignet, die Phantasie jugendlicher Leser negativ zu belasten, sie zu sexuellen Handlungen zu animieren und damit die Erziehung zu beeinträchtigen. Die sich in diesem Rahmen abspielenden Schilderungen von einzelnen mehr oder weniger banalen Gegebenheiten, die im übrigen ausschließlich negative Erscheinungen aufweisen, verdienen weder vom Stil noch vom Stoff her ein besonderes literarisches Interesse. Wenn auch vielleicht dem Autor eine gewisse Fähigkeit und eine eigene Art des Schreibens nicht abzusprechen ist, kann sein Buch aber unter keinem Gesichtspunkt der Kunst dienend im Sinne des §1 Abs. 2 Nr. 2 GjS bewertet werden."

(Zitiert nach Schütz 1990: 188).

Der Verleger mußte 10 Gutachter engagieren um eine gegenläufige bzw. abweichende Einschätzung zu erhalten, was einen enormen Zeitaufwand und nicht geringe Kosten mit sich brachte.

· Einer der Gutachter, Hans Magnus Enzensberger befand die Behauptungen des Ministers als ohne jegliche Begründungen aufgestellt:

die Beanstandung der Ausführlichkeit ist unsachlich, da gesamte Weltliteratur ausführlich ist der Kommentar, bestimmte Passagen seien „ohne jeden erkennbaren Sinn in die Erzählung eingestreut" ist unsinnig, da literarische Werke für gewöhnlich nicht durch „Einstreuung", also zufällige eine zufällige Kombination von Textstücken entstehen der sog. „Schluß", einige Darstellungen seien „nur des obszönen Reizes wegen aufgenommen" kann nur als reine Verdächtigung betrachtet werden und keinesfalls als Schlußfolgerung die sog. „Banale Gegebenheiten" und „ausschließlich negative[ n] Erscheinungen" sind unsachliche Äußerungen: es bleibt dem Schriftsteller selber überlassen ob er über banale oder nicht banale Dinge schreibt und ob diese positiv oder negativ sind.
Enzensberger stellt letztlich die geistige und juristische Kompetenz des Ministers in Frage, da er meint, Grass´ Werk verdiene „weder vom Stil noch vom Stoff her ein besonderes literarisches Interesse".

(Vgl.Buschmann 1997: 66-69 / Ogan 1988: 131-134)

Im Januar 1963 wurde der Antrag auf Indizierung zurückgezogen (vgl. Buschmann 1997: 67).

· Die Bundesprüfstelle urteilte so, daß zwar einige durchaus unzüchtige und jugendgefährdende Passagen in dem Buch vorhanden seien, diese sich aber in den Zusammenhang eingliedern und in den Rahmen des Gesamtgeschehens passen würden. Von der Literaturkritik sei dies positiv bewertet und somit als Kunst zu betrachten (vgl. Buschmann 1997: 67).

 

c) Josephine Mutzenbacher:

„Josephine Mutzenbacher – Die Lebensgeschichte einer Wiener Dirne von ihr selbst erzählt" erschien 1907 anonym, wobei als Schriftsteller der Wiener Felix Salten (Bambi – Autor) vermutet wird (vgl. Schütz 1990: 202).

Ausschnitt aus: "Josephine Mutzenbacher oder die Geschichte einer wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt":

(Zitiert nach: Seim 1995: Anhang)

"Magst?" flüsterte er leise. Ich sträubte mich. Zum erstenmal sträubte ich mich und sagte: "Wenn aber wer kommt...?"

Er hob mir langsam die Röcke auf und stellte sich zwischen meine Beine. Sein Gesicht blieb ernst, und ich fühlte, wie er mit seinem Schweif an meinem Loch herumtastete. Ich war so aufgeregt, daß es mir augenblicklich kam, sowie ich nur die erste Berührung seiner warmen Eichel wahrnahm. Meine Geilheit hielt jedoch an. Davon, daß es mir gekommen war, und wohl auch von meiner Aufregung, war meine Spalte ganz feucht geworden. Er blieb immer ernst und ruhig. Mit der einen Hand faßte er meinen Popo, drückte mich gegen sich, so daß ich nur mit dem Rücken an der Mauer lehnte, und im nächsten Moment ächzte ich schwer auf, weil ich einen Aufschrei der Wollust unterdrückt hatte. Mit einem einzigen wunderbar geschickten Stoß war er mir nämlich ganz bis ans Heft in den Leib gefahren. Es war ein fester, sehr kurzer und ziemlich dicker Schweif, und er rührte sich ein paar Sekunden nicht, als er ihn hineingesteckt hatte. Dann führte er kurze Stöße gegen mich, aber ohne daß er seinen Schwanz dabei nur einen Millimeter herauszog. Er blieb wie angegossen drinnen stecken, und ich war halb besinnungslos vor Geilheit. Dann fing er an im Kreise zu bohren, als wollte er mein Loch ausweiten, aber er blieb dabei immer tief drinnen stecken. Das war mir noch nicht geschehen. Ich quietschte leise, weil es mir wieder kam und Alois sagte auf einmal: "Schluß mit Genuß!" Ehe ich Zeit hatte über diesen Ausdruck überrascht zu sein, änderte er seine Stoßweise, zog nämlich seinen Schwanz langsam ganz heraus, fuhr dann langsam wieder ganz hinein, so etwa vier- bis fünfmal, und dann spüre ich ihn spritzen; es war nicht viel, aber doch spritzte er, sein Stachel zuckte heftig, wie er jetzt herein zu mir kam, und ganz gleichzeitig mit ihm kam es auch mir zum letztenmale. Als er fertig war, wischte er sich den Schweif an meinem Hemd ab, sagte: "Du puderst besser als die Klementine..." Da ich nicht wußte, wer die Klementine sie, schwieg ich, aber ich wunderte mich gar nicht, daß so ein feiner Bub vögeln könne, mit wem er will. Bevor er wegging, schlug er mir vor: "Komm morgen nachmittag zu mir. Meine Eltern fahren fort, da sind wir allein."

Am anderen Nachmittag läutete ich klopfenden Herzens an der Türe der Hausherrenwohnung. Die Köchin öffnete mir: "Ist der Herr Alois da...?" fragte ich schüchtern. Sie lachte: "Ja, der - junge Herr ist da drin..."

Ich wurde in sein Zimmer gewiesen, das sehr groß und wunderschön weiß möbliert war. Mir kam es wie im Paradies vor. Er zeigte mir sein schön lackiertes weißes Bett, das hellblau überzogen war. Dann seinen großen Diwan, der weiß und blau überzogen war und sagte, auf das Bett deutend: "Da schlaf´ ich", und auf den Diwan weisend: "Da schlaft das Kindermädel."

Dann zeigte er mir seine Bilderbücher, seine Soldaten, seine Gewehre und seinen Säbel, und ich hätte nie geahnt, daß es ein Kind so gut haben könne. Mir fiel es gar nicht ein, daß man in so einem herrlichen Zimmer auch solche Dinge machen könne, wie das, was wir gestern im Keller getan hatten.

· Das Buch „Josephine Mutzenbacher" wurde 1982 von der BPS indiziert. Der Rowohlt - Verlag klagte darauf hin beim Oberverwaltungsgericht Münster, wo die Indizierung jedoch im Juni 1985 bestätigt wurde (vgl. Buschmann 1997: 88).

Aus dem Urteil:

® Der Roman enthalte von Anfang bis Ende Beschreibungen sexueller Handlungen von Kindern und Jugendlichen untereinander oder von Kindern mit Erwachsenen.

® In dem Roman gebe es keinerlei moralische Einordnung im Rahmen des Geschehens, was die „schwerwiegende Gefahr einer Desorientierung von Kindern und Jugendlichen in einem fundamentalen sozialethischen Bereich" mit sich bringe.

(Zitiert nach Schütz: 1990: 202)

· Der Verlag legte daraufhin Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe ein, unterstützt vom Börsenverein der beim Verfassungsgericht die Spruchpraxis der BPS und der Verwaltungsgerichte reduzieren wollte.

Als der Verlag dagegen klagte, daß der Fall lediglich in formaler und nicht in inhaltlicher Hinsicht behandelt wurde, gab Karlsruhe ihm recht. Trotzdem setzten die Jugendschützer das Buch erneut auf den Index.

Die Entscheidung über eine erneute Klage des Verlags wird erst in ferner Zukunft fallen können (vgl. Buschmann 1997: 88-89).

· Der Rowohlt-Verleger Dr. Michael Naumann hielt im Febr. 1987 ein Plädoyer vor dem Ersten Senat des Bundesverwaltungsgerichts in Berlin bezüglich Mutzenbacher:

Besonders kritisierte er, daß man sich auf den Mangel an Kunst beziehe, er aber ein diesbezüglich ausreichendes Sachverständnis der Prüfer der BPS bezweifle.

Weiterhin habe das Gericht keinen allgemeinen Kunstbegriff, der an dieser Stelle zur Beurteilung geeignet sei und es verbiete sich deshalb soz.. von selbst, die Kunst in das Urteil mit einzubeziehen.

· Bezüglich der Gefährdung Jugendlicher sagt Naumann:

„eine empirische Untersuchung, eine Fallstudie auch nur eines „sozialethisch desorientierten Jugendlichen", der sich aufgrund der Lektüre von „Josefine Mutzenbacher" deviant verhalten hat, existiert nicht, obwohl das Buch schon seit 80 Jahren gedruckt vorliegt und gewiß eine Auflage von über drei Millionen erreicht hat. Die Bundesprüfstelle, auf diese erstaunliche Tatsache hingewiesen, hat – in Form ihres Vorsitzenden Stefen – für derlei Quisquilien nur das Lächeln des Mächtigen übrig, der sich durch Fakten nicht in Verlegenheit bringen läßt."

(Zitiert nach Dankert 1988: 199).

· In den USA wäre ein derartiger Literatur-Prozess gar nicht möglich gewesen. Nach amerikanischem Recht kann Jugendgefährdung nicht nur einfach behauptet werden, sondern sie muß nachgewiesen werden. Es müssen also konkrete Schädigungen an identifizierbaren Personen vorliegen. In Deutschland wird größtenteils Jugendgefährdung deklariert, weil das Gericht vermutet, daß Texte von Jugendlichen rezipiert werden in denen sexuelle bzw. obszöne Handlungen geschildert werden. Ob die Jugendlichen die Texte wirklich lesen ist jedoch nicht geklärt (vgl. Schütz 1990: 201).

 

Folgen der Zensur eines Buches

· Ist ein Buch/ eine Schrift indiziert, so wird es in eine Liste aufgenommen und entweder dauerindiziert oder nach drei bis zwölf Monaten wieder freigegeben.

Indizierte Medien dürfen Kindern und Jugendlichen weder angeboten noch überlassen oder zugänglich gemacht werden. Für ein indiziertes Buch bedeutet das in der Realität, daß es praktisch tot ist.

Ein indiziertes Buch

darf nicht von Jugendlichen gekauft und auch nicht verkauft werden (z.B. darf ein minderjähriger Azubi im Bücherladen kein indiziertes Buch verkaufen) darf nicht im Schaufenster und nicht im Buchladen ausgestellt werden darf nicht beworben werden, der Verleger darf auch nicht auf die Indizierung hinweisen (im Gegensatz zu Videos) und es darf nicht im Bestand einer Buchhandlung sein

® aus allen oben genannten Gründen werden indizierte Bücher in der Regel makuliert (vgl. Buschmann 1997: 107-108).

Zwar ist es einer Buchhandlung erlaubt, ein Buch unter dem Ladentisch oder anderen versteckten Orten zu lagern, in der Realität sind solche Fälle aber eher rar.

· Ob eine Zensur wirklich das bewirkt was sie eigentlich soll, daß nämlich unliebsame Gedanken, Ideen und Beschreibungen tatsächlich unterdrückt werden, hängt letztendlich von der sozialen Wirkung dieser ab. Auf kurze Zeit gibt man der Zensur eine Chance, auf die Dauer gesehen, lassen sich in der Literatur ausgedrückte Ideen und Meinungen keinesfalls auslöschen, solange sie für die Gesellschaft eine Bedeutung haben.

Bisher ist kein einziger Fall bekannt, bei dem es nicht mindestens eine Kopie gab die zur Vervielfältigung diente und der Text somit über Generationen weitergegeben werden konnte (vgl. Buschmann 1997: 117).

Die Indizierung oder der verpönte erotische Inhalt eines Buches konnte sogar oftmals als Verkaufshilfe dienen. Erst durch den Gang vor Gericht und die damit verbundene Medienberichterstattung erfuhren viele Leute von der Existenz eines Buches und wurden so neugierig. Durch diesen Reiz des Verbotenen konnte sich ein Verleger oftmals die Werbekosten sparen (vgl. Buschmann 1997: 100).

5. Literatur:

* Breuer, Dieter (1982): Geschichte der literarischen Zensur in Deutschland. Heidelberg.

* Brockmeier, Peter / Gerhard R. Kaiser (Hrsg.) (1996): Zensur und Selbstzensur in der

Literatur. Würzburg.

* Buschmann, Silke (1997): Literarische Zensur in der BRD nach 1945. Frankfurt am Main.

* Dankert, Birgit / Lothar Zechlin (Hrsg.) (1988): Literatur vor dem Richter. Beiträge zur

Literaturfreiheit und Zensur. Baden – Baden.

* Ogan, Bernd (Hrsg.) (1988): Arbeitstexte für den Unterricht. Literaturzensur in

Deutschland. Stuttgart.

* Schütz, Hans J. (1990): Verbotene Bücher. Eine Geschichte der Zensur von Homer bis

Henry Miller. München.

* Seim, Roland, Josef Spiegel (Hrsg.) (1995): „Ab 18" – zensiert, diskutiert, unterschlagen:

Beispiele aus der Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Münster.

 

   
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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