Mehr zu dieser Seite
    Texte zum Thema Zensur
    aus den Seminaren 2000/2001
    Zwischen Medienfreiheit und Zensureingriffen
    Bildbeispiele und Texte zu Zensur
 
   
  Seminar Sommersemester 2000:
"Zensur und Verbote in den
populärkulturellen Medien Deutschlands"
   
 

Zurück

  C. Weinrich
 


Zensur und Verbote
im Genrefilm
Die große Schnittparade des Horrors- und Splatterfilms

 

 

Im folgenden Text soll dargestellt werden, wie eine spezielle Art des Genrekinos beziehungsweise -films von der deutschen Zensur betroffen ist. Der Horror-, Splatterfilm wird, neben dem pornographischen Film schon seit den frühen 60 Jahren als "entfant terrible" der Filmindustrie und der Medien gesehen. Was seiner Zeit die Gemüter erhitzte, wird in der jetzigen Medienlandschaft als Kulturgut angesehen, der Film "Die Sünderin", damals auf dem Index, dient heute als nette kulturelle Abendunterhaltung. Auch wenn die Moral- und Sittenansprüche der 60iger Jahre denen der heutigen Zeit zum Glück nicht mehr gleichen, die sexuelle Revolution stattgefunden und die restriktive Macht der Kirchen abgenommen hat, sind die Regulative der Filmzensur zwar abgeschwächt - manch einem kommen sie wie Relikte aus einer fernen Zeit vor-, bestehen aber immer noch. Auch heute noch urteilen die Kenner und Könner der FSK oder der BPjS über den Wert, Kunstanspruch oder die (Un-) Bedenklichkeit eines Kino- oder Videofilms. Und auch heute noch werden Entscheidungen getroffen, die über die Veröffentlichung eines Mediums bestimmen, und in zahlreichen Fällen den Unmut des Filmschaffenden sowie des Publikums hervorrufen.

Der Horror- und Splatterfilm ist so drastisch wie kein anderes Filmgenre von der Zensur betroffen. Derzeit sind 114 Video-, Kinofilme von deutschen Gerichten wegen Gewaltverherrlichung (§131 Abs. 3 StGB) beschlagnahmt worden (BPS 2/00), und somit aus dem offiziellen Verkehr gezogen. Eine Beschlagnahmung oder Verbot bedeutet, daß für dieses Medium keine Werbung gemacht werden darf, und daß ein Vertriebs-und Aufführverbot des betreffenden Mediums erlassen wird. Neben den 114 beschlagnahmten Filmen wurden 2745 Filme, wegen den §§ 130a , 131, 184 , Abs. 3 StGB bis jetzt indiziert(BSP 2/00), was eine Altersabgabe ab 18 Jahren mit sich zieht(allein 1983 sind auf einem Schlag 296 Videofilme im Eilverfahren indiziert worden). Die Liste der BPjS, der Index in dem alle beschlagnahmten und indizierten Medien fein säuberlich aufgeführt sind, wird monatlich durch neue beanstandete Medien ergänzt.

Wandel des Genres Horrorfilm

Die Gründe der "Zensurwut" der Behörden sind sicherlich an den Filmbeiträgen der 60iger Jahre und deren Motiven fest zu machen, denn zu dieser Zeit änderte sich das Genre, und entwickelte eine neue Richtung und Intention. Waren es bis dahin noch recht harmlose Filme wie "Psycho" (Hitchcock, 1960) oder "Peeing Tom" (Michael Powell, 1960) die die Horrorlandschaft repräsentierten und detailierte Gewaltdarstellungen aussparten- trotzdem gelten diese als "Geburtshelfer" des neuen Kinos-, eroberten nun andere Filme die Leinwand und erfanden den "Blutspritz- Horrors"der 60iger Jahre.

Wo die Klassiker des Genres sich doch extrem dem Regulativ der damaligen scharfen Zensur unterwarfen, wurde nun auf die bestehenden Werte und Normen keine Rücksicht mehr genommen. Ein Regisseur namens Herschell Gordon Lewis revolutionierte mit "Blood Feast"(1963), "2000 Maniacs"(1963) und "Color Me Blood Red" (1965) das Genrekino durch Detail getreue Nahaufnahmen von Gewaltdarstellungen und "nackte Tatsachen". Die Lewis Trilogie fand schnell zahlreich Nachahmer, und seit den 70iger Jahren entstanden etliche neue Horrorfilme, mit den unterschiedlichsten Motiven, die aber eins gemeinsam hatten; eine noch nie dargestellte expliziete Härte der gezeigten Bilder. Neben dem klassischen Horrorfilm wurde das Genre durch Slasher-, Psychopathen-, Zombi- und Kannibalenfilme ergänzt.

Motive des Splatterfilm

Wer glaubt das die klassischen Gruselschocker aus ästhetischen Gründen auf expliziete Darstellung von Gewalttaten oder Sexualität verzichteten liegt falsch. Das Demoklates-Schwert der Zensur hing allzeit über ihren Köpfen, und so beugte man sich den auferlegten Normen und Sitten der Gesellschaft. Aber zum anderen hatte der klassische Horrorfilm neben dem "Grusel-Faktor" auch eine andere Funktion.

Der Gruselfilm wurde zur Sublimierung und versteckten Aufarbeitung der Sexualität eingesetzt; eine Sexualität, die durch Tabuisierung und sanktionierte Beschränkungen zum Teil Angst einflößender war, als die Gestalten der Leinwand ( Detlef Klewer, "Der Splatterfilm", 1997 MPW, Hille). Mit der Enttabuisierung der Sexualität, Lockerung der Zensur, Ablösung der durch die Leinwand-Monster ausgelösten diffusen Ängste durch reale Ängste (Kernkraft, Ost/West-Konflikt), und die aufkommenden Nudisten sowie Sexfilme, verlohr der klassische Horrorfilm sein Sujet(Ebd).

Das der neu entstandene "Kotztüten-Horror" nicht nur eine sinnlose Aneinanderreihung von Gewalttaten zeigte- was von Filmrezendenten gerne unterstellt wurde und wird, kann an verschiedenen Beispielen gezeigt werden (doch muß auch fairer Weise gesagt werden, daß durchaus Filme dieses Genres existieren, bei denen es schwerfällt diese Haltung der Kritiker zu dementieren).

Der schon angesprochene H.G.Lewis war sich jedoch nicht bewußt welch Ketten er mit seiner Trilogie gesprengt hatte. War sein Leitmotive der kommerzielle Erfolg, so folgten nun Filme anderer Regisseure die einen deutlichen Zeitbezug in die Geschichte ihrer Werke einwoben( so geschehen bei "Night of the living Dead" von G. Romero 1968, der die Destruktion des Amerikanischen Traums eindrucksvoll darstellt. Dem Untoten wird hier eine katalytische Funktion gegeben, und am Ende des Film wird klar, daß der Ursprung des Bösen nicht im Monster, sondern im Menschen liegt).

Die anderen gelungenen Beiträge, die man mit ruhigen Gewissen als Klassiker des modernen Horrorfilm bezeichnen kann, zeichnen sich durch gesellschaftskritische Motive aus, die oft das Thema der soziokulturellen Auflösung in den Mittelpunkt der Beiträge stellen. Die gezeigte Gewalt dient hier als Mittel zum Zweck um den moralischen und sittlichen Verfall schonungslos darzustellen. Die klassische Monstergestalten des Gruselfilms wurden abgelösst, und erlangten nur noch nostalgischen Wert, und an Stelle dieser traten neue realistische Ängste. "The Texas Chainsaw Massacre" (Tobe Hooper 1974) hat den Zusammenbruch des gesellschaftlichen Miteinanders als Leitmotiv. "Mother's Day" (Charles Kaufman 1980) schildert das Überkommen von Normen die sich selbst ad absurdum führen. "The Brood" (David Cronenburg 1979) handelt von dem Zusammenbruch der Familie als Hort der Unschuld, und "Dawn Of The Dead" George Romeros zweiter Teil der Untoten Trilogie (1979) schildert eindrucksvoll den apokalyptischen Weltuntergang.

Zensur und Verbote

Waren bis in die 50iger und 60iger Jahren noch Sexualität der Zensur Anlaß, so wandelte sich das Bild mit dem Aufkommen der "neuen" Horrormovies. Die neue Qualität der Darstellung von Gewalt und Sexualität verursachte eine Sittendiskussion und höchst kontroverse Meinungen des Betrachters. 1973 wird in Deutschland der "Gummi- Paragraf" § 131 Abs. 3 StGB verabschiedet, und ein neues Zensurinstrument wurde geschaffen. Gewaltdarstellungen (Gewaltverherrlichung) und auch das sympathisieren mit eben dieser ist ab jetzt kriminalisiert. Als einziges Land der Welt schafft Deutschland einen Regulativ der effektiv und gezielt eingesetzt werden kann(Seim/Spiegel 1995). Etliche Filme wurden auf Grund der harten strafrechtlichen Gangart auf den Index gesetzt oder sogar verboten. Von Seiten des Jugendschutzes wurden Schlagwörter wie "Jugend desorientierend", "verrohend", sittengefährdend" oder "Gewalt verherrlichend" zu Schlagwörtern, und eine regelrechte "Gewalt-Paranoia" machte sich mit der in der Presse aufgebauschten Video-Welle in den 80iger Jahren breit.

KONTROVERS:

Die Zensoren und Richter ließen und lassen sich auch heute nicht in ihr Handwerk pfuschen, der Kunstcharakter von Splatter- sowie pornographischen Filmen ist immer noch weitgehend umstritten. Filme wie "Day Of The Dead" (George Romero 1985), der übrigens in Deutschland1990 trotz zahlreichen Schnitten beschlagnahmt wurde, oder "Hills Have Eyes" (Wes Craven 1977) erhielten als Wegweiser des modernen Horrorkinos Einzug in das Museum of Modern Art in New York, in die Abteilung der 100 besten Filme!!!

1976 beschlagnahmt und verboten, wurde "Salo oder die letzten 120 Tage von Sodom" (Pasolini) vom STERN zu einem der 100 besten Filme des Jahrhunderts gekürt. Der von der BPjS zugestandene Kunstcharakter des Films half nicht vor einer Indizierung, da er als "schwer jugendgefährdend" eingestuft wurde.

In den Niederlanden, sowie in Frankreich oder Skandinavien sind viele der in Deutschland indizieren oder beschlagnahmten Filme frei erhältlich. In Frankreich ist "Evil Dead"(Samuel M. Raimi 1980-82) ungeschnitten ab 13 Jahren freigegeben, und hat unzählige Filmpreise erhalten. In Deutschland ist der selbe Film in der ungeschnitten Fassung beschlagnahmt, und in der geschnitten ab 18 Jahren freigegeben.

Zensurübergriff?

Doch von der Zensur sind nicht nur die Filmemacher betroffen, die erhebliche Vertriebsprobleme zu überwinden haben, da nach einer Indizierung des Mediums auch die Werbung verboten wird. Viele subtilere Probleme, wie das Streichen von Geldmitteln für die Produktion, treten auf, wenn die "Schere im Kopf" der Filmschaffenden schon im Vorfeld der Veröffentlichung zum tragen kommt. So kann es geschehen, daß ein Film in der Orginalfassung nie ein Verleih in Deutschland bekommt, da von Anfang an abzusehen ist, daß er auf dem Index landet.

Selbst das Schreiben über die von der Zensur betroffenen Medien wird gerichtlich durch den besagten § 131 beschnitten. Fanzines wie die Zeitschrift "Gory News", die sich ausschließlich mit dem Genre Splatter- und Actionfilm beschäftigen werden zu Beispiel wegen "sozialethischer Desorientierung" indiziert (so geschehen im März 1999, Gory News #11). "Die Angst sitzt neben Dir", eine Dokumentation in CD-Rom Format von Frank Trebin wurde ebenfalls in Deutschland vom Markt genommen. Der Videoversand "Videorama" aus Berlin wurde nach einer Hausdurchsuchung einige Wochen zur Geschäftsschließung gezwungen, was erhebliche Umsatzeinbußen zu Folge hatte. Neben zahlreichen beschlagnahmten Filmen wurden auch die Kundenkarteien eingezogen! Die Kinobetreiber des Werkstatt-Kinos sowie des Eiszeit-Kinos wurden wegen Aufführung von "Evil Dead", "Nekromantik2" und "Maniac" kriminalisiert und zu Geldstrafen verurteilt, obwohl diese Werke von vielen Filmhistorikern und Kritikern zu den Meisterwerken des Genres zählen.

Die Institution der FSK wird für viele Filmschaffende zur unüberwindbaren Hürde, da ohne eine Begutachtung der FSK fast kein Kinobetreiber das Risiko eingeht und die Filme trotzdem zeigt. Der Berliner Regisseur Jörg Buttgereit ("Nekromantik" 1987) legt seine Filme erst gar nicht der FSK vor, was das oben genannte Problem mit sich führt (Buttgereits zweiter Teil von "Nekromantik" wurden schon vor der Veröffentlichung beschlagnahmt und Buttgereit 3 Wochen per Haftbefehl gesucht!!!!).

(Un)Sinn der Zensur

1. Nicht das die Filmzensur, und die damit verbundene Schnittechnik, auf gewisse Weise die Konsumenten von Videos und Kinofilmen bevormundet, sie macht in gewissen Fällen durch konsequentes Entfernen von Filmszenen und regide Eingriffe in den Ereignisfluss die Handlung der Filme zum Teil nur schwer durchschaubar (so geschehen in "Hellraiser").

2. Die Frage nach dem Motiv für der Hatz auf den Splatterfilm drängt sich auf. Fast könnte man meinen, daß von den sozialen Ursachen der tatsächlichen und realen Gewaltätigkeiten der Gesellschaft abgelenkt werden, oder ein Sündenbock gefunden werden soll, der keine Lobby hat, und somit leicht zu eliminieren ist? Es ist natürlich viel leichter nach einer Katastrophe wie sie sich in Littelton zugetragen hat die Ursachen für das Amokverhalten der Schüler durch den Konsum von "gewaltverherrlichenden" Videospielen, "Rammstein hören" oder Splatterfilmen zu erklären, als sich mit naheliegenderen möglichen Ursachen auseinander zu setzen. Die Tatsache, daß Waffenbesitz bei Jugendlichen in den USA zum guten Ton gehört, und daß es für offensichtliche Außenseiter auf amerikanischen Schulen oft wenig zu lachen gibt, scheint in diesem Fall nur wenige zu interessieren.

3. Des weiteren ist es nicht bewiesen, daß mediale Gewalt einen direkten Nachahmungsprozeß nach sich zieht, also eine direkte Kausalität besteht. Der Bonner Soziologe Michael Kunczik sieht Gewaltdarstellungen in den Medien, als Genese für reale Gewalt, abgesehen von pathologischen Fällen als bedeutungslos an. Wenn dies nicht so wäre, würden dann nicht in den Niederlanden oder in Dänemark mit regelmäßiger Sicherheit "kettensägenschwingende" Psychopathen Vorfälle, wie sie sich in Littelton zu getragen haben, verursachen?

4. Es gibt bei der Zensurdiskussion etwas was ganz klar gesagt werden muß: Es geht den Zensurgegnern nicht um eine Aufhebung des Jugendschutzes, sondern darum, daß mündigen erwachsenen Bürgern durch die Eingriffe der FSK und der BPS ganz klar Dinge vorenthalten werden. In diesen Fällen handelt es sich dann um eine eindeutige, in Deutschland laut Art. 5 GG verbotene Zensur handelt. Es sollte reichen wenn man Filme mit den üblichen Altersfreigaben versieht.

5. Die Zensurbehörden verstricken sich in seltsamsten Zensurbegründungen und man kann von schon fast legeren Zensurbegründungen sprechen. Bei dem Filmen der "Freitag der 13." Reihe wurden nach Indizierung des ersten Teils die folgenden Teile ohne Ansicht, mit der Begründung, daß die Filmfigur "Jason", und somit sämtliche Filme die sich mit eben dieser befassen, indiziert sei, auf den Index gesetzt.

6. Kriminalisiert man mit Zensur nicht die Konsumenten und Liebhaber derartiger Filme? Zu vergleichen wäre da die derzeitige Cannabis Diskussion, in der genau diese Beschaffungskriminalität erörtert wird.

Anhang:

-Schnitbericht des Films "Das Böse" (Don A. Coscarelli 1979), Originalfassung beschlagnahmt, gekürzte 16 Fassung

-Beschlagnahmungs Beschluß von "Das Böse"

Literatur

Andreas Bethmann "Deep Red Gore Handbook; Die 100 blutigsten Horrorfilme",

Detlef Klewer, "Der Splatterfilm", 1997 MPW, Hille

Roland Seim/ Josef Spiegel, "Ab 18" Band 1, 1998 Telos Verlag

Gory News#13 Juli 1999

Jugend Medien Schutz- Report 2/00, Gesellschaft für Jugendschutz (GfJ)

SZ 24.02.2000, „Aus der Filmbüchse der Pandora", Hans Schifferle

www.SCHNITTBERICHTE.de

 

 

   
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mail Roland Seim Mail Kolja (Webmaster)