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  Seminar Sommersemester 2000:
"Zensur und Verbote in den
populärkulturellen Medien Deutschlands"
   
 

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  Linda Janßen
 


Die freiwillige Selbstkontrolle
der Filmwirtschaft


 

 

1. Einleitung

Am 18. Juli 1949 nahm die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft ihre Tätigkeit auf und prüfte in Wiesbaden ihren ersten Film: „Intimitäten", Regie Paul Martin. Das Ergebnis lautete: Freigegeben zur öffentlichen Vorführung aber nicht vor Jugendlichen unter 16 Jahren und nicht am Karfreitag, Buß- und Bettag und Allerseelen oder Totensonntag. Curt Oertel, damals Sprecher der Filmproduzenten der amerikanischen Zone, und Erich Pommer, einst Produzent der UFA, nun als oberster Film-Offizier der amerikanischen Besatzungsmacht mit Wiederaufbau und Neuordnung der deutschen Filmindustrie betraut, konzipierten gemeinsam nach dem Vorbild des amerikanischen Production Code von 1930/34 die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft. Es war das Ziel der filmwirtschaftlichen Verbände, behördliches Eingreifen und staatliche Reglementierung überflüssig zu machen, zudem sollte eine Zersplitterung in regionale Einzelverfahren ausgeschlossen werden. Anfang 1948 richteten die Kultusminister der Länder in den drei westlichen Besatzungszonen eine „Kommission zur Prüfung der Frage: Gefährdung der Jugend durch Filme" ein. Diese Kommission sollte Vorschläge für einen ländereinheitlichen filmischen Jugendschutz entwickeln.

Der Kultusminister und der Arbeitsausschuß der Filmwirtschaft (ADF), die Vereinigung der Filmwirtschaftsverbände der Produzenten, der Filmtheater und der Verleiher in den drei westlichen Zonen, einigten sich nach komplizierten Verhandlungen auf eine gemeinsame Selbstkontrolleinrichtung, auf die FSK. Auch die Kirchen wollten ihre Verantwortung und Mitwirkungsmöglichkeiten in einer künftigen Filmkontrolle. So bestand das Gremium, das am Montag, den 18. Juli 1949 zum ersten Mal zusammentrat, aus Vertretern und Vertreterinnen der Filmwirtschaft, der Länder, der Katholischen Jugend Bayerns und der Kirchen. Am 28. September 1949 übertrugen die Alliierten Militärbehörden offiziell ihre Kontrollbefugnis auf die nunmehr auch formell etablierte Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft.

Soweit eine kleine geschichtliche Einführung zur FSK. In der folgenden Ausarbeitung sollen zunächst die Struktur, die Grundsätze und die Arbeit der FSK dargestellt werden. Abschließend soll festgestellt werden, inwiefern die FSK, die sich selbst für gesellschaftlich akzeptiert und etabliert hält, tatsächlich anerkannt ist und inwiefern Anspruch und Wirklichkeit der FSK übereinstimmen.

2. Struktur der FSK

Über 150 ehrenamtliche Prüfer und Prüferinnen arbeiten insgesamt für die FSK. Sie kommen aus unterschiedlichen Bereichen und Berufsfeldern. Es besteht grundsätzlich keine Vorlagepflicht für Filme bei der FSK, jedoch haben die in der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft zusammengeschlossenen Wirtschaftsverbände ihre Mitglieder verpflichtet, nur von der FSK geprüfte Produkte öffentlich anzubieten.

2.1 Rechtsform

Die FSK ist eine Abteilung der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft, ein Sonderorgan dieses Vereins. Die sogenannte SPIO ist die Rechts- und Verwaltungsträgerin der FSK. Sie übt jedoch keinen inhaltlichen Einfluß auf die Arbeit und die Prüfungsentscheidungen der FSK aus. Die FSK ist finanziell autonom. Sie arbeitet nach dem Kostendeckungsprinzip, d.h. sie finanziert sich über die Prüfgebühren der Antragsteller. Sie ist eine privatrechtlich organisierte Institution, deren Freigaben die Länder als eigene Entscheidung übernehmen. Das bedeutet Rechtssicherheit für die Film- und Videowirtschaft sowie eine schnelle und zeitnahe Abwicklung der Prüfverfahren.

2.2 Arbeitsausschuß

Der Arbeitsausschuß ist die erste Instanz in der Filmprüfung. Er besteht aus sieben Prüfern. Davon sind drei Prüfer von der Film- und Videowirtschaft benannt, vier von gesellschaftlichen und staatlichen Einrichtungen: der Ständige Vertreter der Obersten Landesjugendbehörden, ein turnusmäßig wechselnder Jugendsachverständiger aus einem der 16 Bundesländer sowie zwei – ebenfalls turnusmäßig wechselnde – Vertreter der öffentlichen Hand. Eine Jugendfreigabe kann auch mit Auflagen erteilt werden. Der Antragsteller hat die Optionen, die Auflagen, d.h. Schnitte, durchzuführen oder die nächsthöhere Altersfreigabe zu akzeptieren. Er kann auch eine geäderte Fassung zur Neuprüfung vorlegen. Wenn keine Jugendfreigabe erteilt werden kann, entscheiden allein die drei Prüfer der Film- und Videowirtschaft über den Vorschlag zur Kennzeichnung „nicht freigegeben unter 18 Jahren".

2.3 Gesonderte Prüfverfahren

Ein gesondertes Prüfverfahren trifft für Filme und Bildträger zu, die nicht den Spielfilmen zuzurechnen sind , und Filme, die bereits im Fernsehen ausge-strahlt wurden oder für die nach 15 Jahren eine erneute Prüfung beantragt wird. Diese werden von einem verkleinerten Arbeitsausschuß geprüft. Über die Freigabe kann nur einstimmig entschieden werden. Für Musikvideos, Bildungs-, Hobby- und Lernprogrammen gilt ein vereinfachtes Prüfverfahren. Es wird vom Ständigen Vertreter der Obersten Landesjugendbehörden durchgeführt.

2.4 Berufung und Appellation

Die zweite Instanz für eine erneute Prüfung ist der Hauptausschuß. Er besteht aus neun Prüfern, von denen keiner an der Entscheidung der Vorinstanz beteiligt war. Die angefochtene Entscheidung darf bei einer Berufung des Antragstellers nicht zu dessen Nachteil geändert werden. Eine erneute Prüfung durch die FSK können die Obersten Landesjugendbehörden nach abgeschlossener Jugendprüfung eines Films oder Bildträgers verlangen. Das gleiche Recht haben die Spitzenverbände der Film- und Videowirtschaft im Einvernehmen mit dem Antragsteller.Der Appellationsausschuß ist mit einem Juristen, zwei Sachverständigen für Jugendschutz und vier von der Obersten Landesjugendbehörde berufenen Vertretern besetzt. Die Entscheidungen im FSK-Prüfverfahren haben für alle Bundesländer abschließende Geltung.

3. Grundsätze

Die Grundsätze der FSK werden von der Grundsatzkommission festgelegt, die, um einen breiten Konsens zu wahren, Beschlüsse nur mit ¾- Mehrheit fassen kann. Eine wirksame Durchsetzung der im Grundgesetz verankerten Meinungs- und Informationsfreiheit, insbesondere auch Presse- und Kunstfreiheit, in Abwägung mit anderen Grundrechten, wie dem Grundrecht von Kindern und Jugendlichen auf körperliche, geistige und seelische Unversehrtheit, ist das Anliegen und die Motivation dieser Grundsätze.

In diesem Rahmen darf kein Film oder Bildträger:

„1. das sittliche oder religiöse Empfinden oder die Würde des Menschen verletzen, entsittlichend oder verrohend wirken oder gegen den grundgesetzlich gewährleisteten Schutz von Ehe und Familie verstoßen, im besonderen brutale und sexuelle Vorgänge in übersteigerter, anreißerischer oder aufdringlich selbstzweckhafter Form schildern;

2. die freiheitlich demokratische Grundordnung gefährden oder die Menschenrechte oder Grundrechte mißachten, im besonderen durch totalitäre oder rassenhetzerische Tendenzen;

3. das friedliche Zusammenleben der Völker stören und dadurch die Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland zu anderen Staaten gefährden, imperialistische oder militärische Tendenzen fördern oder das Kriegsgeschehen verherrlichen oder verharmlosen."

3.1 Alterseinstufungen

Das erste Jugendschutzgesetz trat 1951 in Kraft. Es sah die Einstufung von Filmen in drei verschiedene Altersstufen vor: „bis 10 Jahren", „von 10 bis 16 Jahren" und „ab 16 Jahren"). Bereits 1957 wurden die Altersstufen verändert und durch das 1985 novellierte und noch heute geltende Gesetz zum Schutze der Jugend in der Öffentlichkeit (JÖSchG) ein weiteres gesetzliches Kennzeichen festgelegt. Das „neue" Einstufungssystem der FSK hat bis heute bestand.

„Freigegeben ohne Altersbeschränkung"

Kleinkinder erleben filmische Darstellungen unmittelbar und spontan. Ihre Wahrnehmung ist vorwiegend episodisch ausgerichtet, kognitive und strukturierende Fähigkeiten sind kaum ausgebildet. Ängste und Irritationen können schon durch dunkle Szenarien oder eine schnelle Schnittfolge hervorgerufen werden. Es besteht eine hohe Identifikation mit der Spielhandlung und den Filmfiguren. Vor allem bei Bedrohungssituationen findet eine direkte Übertragung statt. Gewltaktionen, aber auch Verfolgungen, etc. lösen Ängste aus, die nicht selbständig wieder abgebaut werden können. Eine schnelle und positive Auflösung problematischer Situationen ist daher wichtig.

„Freigegeben ab 6 Jahren"

Die Fähigkeit, Sinneseindrücke kognitiv zu verarbeiten, nimmt bei Kindern ab 6 Jahren zu. Etwa mit dem 9. Lebensjahr beginnen Kinder fiktionale und reale Geschichten unterscheiden zu können. Deshalb sind bei den 6- bis11-jährigen beträchtliche Unterschiede in der Entwicklung zu beachten. Bei den jüngeren Kindern steht weiterhin noch immer die emotionale, episodische Impression im Vordergrund, wohingegen bei den älteren Kindern eine distanzierende Wahrnehmung möglich wird. Spannungs- und Bedrohungsmomente können zwar schon verkraftet werden, dürfen aber weder zu lang anhalten, noch zu nachhaltig wirken. Eine positive Auflösung von Konfliktsituationen ist auch hier maßgebend.

„Freigegeben ab 12 Jahren"

Die Fähigkeit zu distanzierter Wahrnehmung und rationaler Verarbeitung ist bei Jugendlichen dieser Altersgruppe bereits ausgebildet. Eine höhere Erregungsintensität, wie sie in Thrillern oder Science-Fiction-Filmen üblich ist, wird verkraftet. Beispielsweise eine Bilderflut gewaltbezogener Actionfilme erscheint dagegen problematisch. Gerade in der schwierigen Zeit der Pubertät, in der Jugendliche oft unsicher sind, bieten Filme, die zur Identifikation mit einem „Helden" einladen, dessen Rollenmuster durch destruktives oder aggressives Verhalten geprägt ist, ein Gefährdungspotential. Zuzumuten sind dieser Altersgruppe aber durchaus Filme, die gesellschaftliche Themen seriös darstellen. Sie sind sogar für die Meinungs- und Bewußtseinsbildung bedeutsam.

„Freigegeben ab 16 Jahren"

Bei 16- bis 18-jährigen kann von einer entwickelten Medienkompetenz ausgegangen werden. Die Vermittlung sozial schädigender Botschaften bleibt jedoch schwierig. Nicht freigegeben werden Filme, die Gewlt tendenziell verherrlichen, einem partnerschaftlichen Rollenverhältnis der Geschlechter entgegenstehen, einzelne Gruppen diskriminieren oder Sexualität auf ein reines Instrumentarium der Triebbefriedigung reduzieren. Desweiteren werden Filme mit besonderer Sensibilität geprüft, die Drogenkonsum, politischen Radikalismus oder Ausländerfeindlichkeit zum Thema haben.

„Nicht freigegeben unter 18 Jahren"

Wenn ein Film, Video oder sonstiger Bildträger keine Jugendfreigabe erhält, wird er lediglich auf Übereinstimmung mit §2 der FSK-Grundsätze hin geprüft. Dieses Kennzeichen signalisiert eine Abwägung zwischen einem ethischen Minmalstandard und genrespezifischen Ästhetiken. Es dient mit seiner Schutzfunktion der freien Meinungsäußerung, der Informationsfreiheit sowie der Kunstfreiheit. Die strafrechtlichen Vorschriften (§130 Volksverhetzung, §131 Gewaltverherrlichung, §184 Pornographie Strafgesetzbuch) sind die gesetzlich vorgegeben Schranken der Filmfreiheit.

 

4. Kriterien für die Jugendprüfung

Jeder hat sich wohl schon einmal über eine Altersfreigabe eines Films gewundert. Der nächste Abschnitt beschäftigt sich mit der Frage: Nach welchen Kriterien werden Filme freigegeben? Um sich dieser Frage zu nähern ziehe ich einen Bericht des Ständigen Vertreters der Obersten Landesjugendbehörden bei der FSK (Folker Hönge) heran. Weiterhin soll ein Interview mit demselben Aufschluß geben. Zunächst einmal sind (laut Hönge) audiovisuelle Medien ein nicht mehr wegzudenkender Sozialisationsfaktor. Sie spielen in drei Räumen kindlicher und jugendlicher Sozialisation (Familie, Schule, Freundeskreis) eine zunehmend größere Rolle. „Sehen" ist nie eine passive Tätigkeit, sondern erfordert stets geistig-aktive Auseinandersetzung. Und dies wiederum kann sich auf das Verhalten und auf Einstellungen auswirken. So sind beispielsweise Verhaltensmuster, Moden, Redensweisen, Gangarten, etc. oftmals aus Filmen entnommen. Für die eigentliche Diskussion und Bewertung eines Films sind zwei Punkte wesentlich, die die Prüfungsausschußmitglieder betreffen: a) Beherrschung der Kriterien der Filmsprache. Ein Film besteht aus der Komposition von Zeichen, Symbolen und deren Bewertung beim Rezipienten. Für die Decodierung filmischer Botschaften und der daraus resultierenden möglichen Wirkung sind die Kriterien der Filmsprache (wie Schnitt, Montage, Kamerastandpunkt, etc.) wesentlich. b) Nähe zu Kindern und Jugendlichen. Es ist nicht ausreichend, sich nur intellektuell mit den unterschiedlichen Jugendszenen auseinanderzusetzen. Wichtiger ist es, mit Jugendlichen und Kindern ins Kino zu gehen und sie beim Zuschauen zu beobachten. Fragen, die am Anfang der Überlegungen zur Alterskennzeichnung stehen sind: Weilchen Inhalt transportiert das Medium? In welcher Form wird dieser Inhalt dargeboten? Daraus folgt: Welche Wirkung übt der Film auf den Zuschauer aus? Eine letztlich objektive Antwort kann es nicht geben. Andere Aspekte, die sogenannten intervenierenden Variablen kommen noch hinzu: Alter, soziale Herkunft, Bildung, psychische Disposition, Geschlecht, Mediengewohnheiten sind ebenso unterschiedlich wie jeder einzelne Film. Doch welche Anhaltspunkte lassen sich nun konkret heranziehen? a) Die individuelle Wirkung auf den Prüfer. Hierbei ist ein sensibles Beobachten der eigenen emotionalen Reaktion während bzw. nach dem Anschauen des Films gefragt. b) Wie würden Kinder und Jugendliche, die ich als Prüfer kenne, auf diesen Film reagieren? Viele der Prüfer und Prüferinnen sind in der Jugendarbeit tätig: in der Schule, bei Jugend- und Kinderfilmarbeit, in Ferienlagern, Schullandheimaufenthalten, etc.

Dazu kommen folgende Kriterien für die Jugendprüfung:

Jugendsoziologische Kenntnisse

Hier werden Fragen gestellt wie Welche unterschiedlichen Gruppierungen der Jugendszenen gibt es? Welche Verhaltensmuster sind vorhanden? Inwieweit sind diese medial bestimmt? So ist z.B. das Prinzip des „Hopping" fast durchgängiges Element jugendlicher Freizeitgestaltung geworden. Gemeint ist das möglichst rasche, fast zwanghafte Durcheilen unterschiedlicher Orte an einem Abend. Naheliegend ist der Vergleich mit der Fernbedienung am Fernseher und der dazugehörige Unterhaltungsslalom. Jugendliche sind im Unterschied zu Erwachsenen dazu in der Lage, drei bis vier Fernsehprogramme gleichzeitig wahrzunehmen.

Entwicklungspsychologie

Die Entwicklungsphasen von Kindern und Jugendlichen sollten bekannt sein. Hierbei komt es besonders darauf an, die entwicklungspsychologischen Stufen der Kinder in Beziehung zu ihrer Aufnahmefähigkeit und Verarbeitungsfähigkeit zu setzen.

Medienwirkforschung

Die Medienwirkforschung ist eine zentrale Komponente bei der Jugendprüfung. Es gibt Feldforschungen, die nachweisen, daß Medieninhalte und formen medialer Gestaltung unter ganz bestimmten Bedingungen durchaus ihre Auswirkung gerade auf Kinder haben. Ein schlichtes Übertragungsmodell greift hier jedoch nicht.

Kenntnis der Wirkung der Bildsprache

Die Dechiffrierung visueller Botschaften ist ein unverzichtbares Element für eine sachgerechte Filmbeurteilung. Ein Beispiel: Ein erhobenes Beil über dem Kopf eines filmischen Widersachers! Vor dem Niedersausen wird geschnitten. Deer blutüberströmte Kopf wird dem jugendlichen Zuschauer erspart – auf der Leinwand. Vor dem geistigen Auge des Betrachters aber steht das blutige Ergebnis. Die emotionale Wirkung ist mit oder ohne Schnitt die gleiche. Konsequenz: Also bereits die Szene mit dem erhobenen Beil schneiden? Das heißt, man schneidet eine eigentlich verkraftbare Szene und meint die Folgeszene, die eventuell überhaupt nicht auf der Leinwand erscheint. Diese Entscheidung kann nur in der Gesamtbeurteilung des Films getroffen werden. Das Hauptaugenmerk der FSK-Prüfungen liegt auf Filmen, die Gewalt darstellen. Desweiteren geht es um die Darstellung von Sexualität, genauer um die Darstellung von Geschlechterrollen. Andere Themen, auf die die FSK ihr Augenmerk richtet sind Umgang mit Drogen und Alkohol oder auch Filme, die Vorurteile oder negative Einstellungen gegenüber Minderheiten transportieren. Im Hinblick auf die Gewaltdarstellung ist es wichtig, darauf hinzuweisen, daß die Wirkung eines Films nicht an einzelnen Szenen, in denen Gewalt dargestellt wird, festgemacht werden kann. Es wird vielmehr die Gesamtwirkung und der Gesamteindruck des Films diskutiert. Die einzelnen Darstellungen von Gewalt werden im Gesamtkontext gesehen. Ist beispielsweise in einem Unterhaltungsfilm der Anteil der gewaltdarstellenden Szenen so groß, daß sie den Gesamteindruck des Films dominieren, dann kann das für eine Jugendfreigabe problematisch sein. Ist dahingegen die Gewalt glaubhaft in eine Handlung eingebunden, die die dargestellte Gewalt problematisiert und den Zuschauer letztlich gegen diese Gewalt einnimmt, so daß er sieht, daß es auch andere Konfliktlösungswege gibt, dann kann es sein, daß der Film eine Freigabe ab 12 Jahren erhält. Eine große Rolle spielt dabei wie der Film ausgeht. Ebenso wird analysiert, ob die Gewaltszenen die Perspektive des Opfers und des Leidens einnehmen oder ob sie die Gefühle des Täters in den Vordergrund stellen. Genauso wichtig ist es aber, wie der Film die Gewalt wertet. Bezieht der Film eine Gegenposition zu der dargestellten Gewalt, wie das z.B. in Antikriegsfilmen der Fall ist, so kann die Darstellung von Gewalt ein Mittel sein, um gegen die Anwendung von Gewalt zu sensibilisieren.

Und wie sieht es mit erotischen Darstellungen aus? Wenn erotische oder sexuelle Darstellungen mit problematischen Rollenbildern verknüpft werden, dann kann das Kinder und Jugendliche beeinträchtigen. Das Geschlechterbild sieht meistens so aus, das der Mann ständig kann und die Frau ständig will. Bei Jugendlichen, die diesem Verhaltensmuster keine eigenen Erfahrungen entgegensetzen können, werden solche Filme zu Irritationen führen. Sie suchen nach Verhaltensmustern für sich selbst, sie wollen aber auch gleichzeitig wissen, wie sich der gegengeschlechtliche Partner vermutlich verhält. Dies kann zu Leistungsdruck oder Selbstwertproblemen führen. Auch 16-jährige verfügen nicht grundsätzlich über sexuelle Erfahrungen und können daher nicht immer erkennen, daß die in solchen Filmen dargestellte Sexualität jenseits aller Lebenswirklichkeit abläuft. Pornographische Filme erhalten von der FSK keine Kennzeichnung, denn nach § 184 Abs. 7 Strafgesetzbuch dürfen sie in öffentlichen Filmveranstaltungen nicht vorgeführt werden. Sie dürfen lediglich im Videobereich an Erwachsene unter bestimmten Auflagen abgegeben werden, solange es sich nicht um verbotene Pornographie – also Darstellungen mit Kindern, Tieren und Gewalt handelt. Der Bereich des Spielfilms ist daher wichtiger, da es auch dort mehr oder weniger drastische und problematische Darstellungen von Sexualität gibt. Bei einer Freigabe ab 12 Jahren kommt es darauf an, ob eine entsprechende Darstellung so gestaltet oder eingebunden ist, daß sie auch für die jüngeren Jahrgänge dieser Altersstufe verkraftbar ist. Sexualität muß also eingebettet sein in glaubwürdige zwischenmenschliche Beziehungen, sie darf nicht selbstzweckhaft sein. Problematisch wird es, wenn Sexualität im Zusammenhang mit Gewalt dargeboten wird, wenn Menschen nicht aus freiem Willen handeln, sondern aufgrund von physischer oder psychischer Bedrohung.

 

5. Die FSK – Anspruch und Wirklichkeit

5.1 Meinungen

Nehmen sie gern an Lotterien teil? Dann sollten sie noch heute ihre Bewerbung als Ausschußmitglied bei der freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft einreichen – die Würfelfirma aus Wiesbaden stellt ein. Zumindest den Verstand. Nicht nur CINEMA – Lesern ist aufgefallen: Die Altersfreigaben der FSK erfolgen nach zunehmend wahllosen und widersprüchlichen Kriterien. Da wird ein Film wie „American Pie" von 16 auf 12 heruntergestuft, und ein gerade mit fünf Oscars ausgezeichnetes Meisterwerk wie „American Beauty" nachträglich von 12 auf 16 hochgestuft – weil die Spermakomödie von den Jugendlichen als „identifikationsstiftend" empfunden werde, die Sozialkomödie dieselbe Zielgruppe angeblich „irritieren" könne. [...] Übrigens, FSK, ihr solltet die Altersfreigabe von „Marlene" dringend überdenken. Die Frau war ein richtig rattenscharfes Luder, voll bi und so. Daß ihr so was ab 12 freigebt, hat uns „intellektuell" ganz schön „irritiert"."

„Blut, kopflose Körper und körperlose Köpfe im Überfluß. Obwohl ich nicht gerade ein Freund der FSK bin, muß ich sagen, daß die Entscheidung, „Sleepy Hollow" ab 12 Jahren freizugeben ein Witz ist."

„Wohl kein anderer Regisseur versteht es so gut wie Tim Burton, dem Zuschauer Schauer über den Rücken zu jagen, um dann mit einem Augenzwinkern zu sagen: Hey, so schlimm war es doch gar nicht. Völlig daneben ist dagegen die Altersfreigabe ab 12 Jahren."

„Abgechlagene Häupter rollen in Massen, das Blut strömt bächeweise. Die FSK hat wohl endgültig ihre Daseinsberechtigung verloren!"

„Unser Land ist weit heruntergekommen, das sieht man deutlich an ihren Altersfreigaben, die Kinder in keinster Weise schützen."

„Daß ihr Kinder vor schlimmen Filmen schützt, finde ich ja ganz richtig, aber uns Erwachsenen die besten Horrorfilme vorzuenthalten ist unmöglich."

„Heute muß ein Film schon Kannibalismus inszenieren, wie „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber", damit die FSK ihn für Jugendliche unter 18 Jahren für off Limits erklärt."

„Beim Anschauen dieses Films war ich erschüttert, in welcher angsthervorrufenden Weise das Böse dargestellt wird. Mein älterer Sohn hat während der Szenen ständig ängstlich gefragt, ob das Gute denn auch wirklich gewinnen wird. [...] Nach diesem Erlebnis steht für mich fest, daß ich in Zukunft nicht mehr auf ihr Urteil vertrauen kann."

 

5.2 FSK – Zensur, ja oder nein?

Fraglich bleibt noch, ob die FSK Zensur ausübt. Es besteht in Wissenschaft und Rechtsprechung Einigkeit darüber, daß eine Vorzensur auf Grund des verfassungsrechtlichen Zensurverbots unzulässig ist. Unter Vorzensur versteht man den technischen Zensurvorgang, der verschiedene Elemente enthält:

a) ein generelles Verbot, Meinungsäußerungen ohne besondere Erlaubnis

einer Zensurstelle der Öffentlichkeit zugänglich zu machen;

b) das Gebot, Meinungsäußerungen vor der Veröffentlichung der

Zensurstelle vorzulegen;

c) die Erlaubnis der Zensurstelle zur Veröffentlichung, wenn die

Meinungsäußerung den Zensurgrundsätzen nicht widerspricht, im

anderen Fall Verbot der Veröffentlichung;

d) die Möglichkeit, Gebote und Verbote der Zensurstelle mit

Zwangsmitteln durchzusetzen;

Die Tätigkeit der FSK besteht darin, Filme vor ihrer Veröffentlichung zu prüfen. Sämtliche eben aufgeführten Merkmale treffen auf die Arbeit der FSK zu. Die FSK ist also quasi Inhaberin einer Zwangsgewalt und zwar aufgrund einer Fülle von untereinander verbundenen und sich gegenseitig ergänzenden Vertragsbestimmungen. Verleihern wird es damit nahezu unmöglich gemacht, einen ungeprüften oder von der FSK abgelehnten Film zu verleihen oder öffentlich aufzuführen. Diese Zwangsgewalt ist aber nicht hoheitlich staatlich, sondern privatrechtlich.. Somit kann man sagen, daß die FSK durchaus Zensur im formellen Sinne ausübt. Es ist in der strafrechtlichen Literatur anerkannt, daß Zensur im materiellen Sinne eine Beeinflussung der öffentlichen Meinung darstellt. Dies wir damit begründet, daß ein möglicher Beitrag des Meinungsbildungsprozesses der Öffentlichkeit durch eine intervenierende Instanz vorenthalten oder verändert zugänglich gemacht wird.Betrachtet man die Tätigkeit der FSK genauer, kann man feststellen, daß die Prüfausschüsse eine intervenierende Gruppe darstellen. Die Filminhalte, die geprüft werden, könnten als mögliche Beiträge zum Prozeß der Meinungsbildung gelten. Das Publikum kann sich aber nur mit solchen Filmen befassen, deren Inhalte mit den Prüfungsbestimmungen übereinstimmen. Dadurch werden eine Reihe von Inhalten dem Prozeß der öffentlichen Meinungsbildung entzogen, die öffentliche Meinung wird nicht durch sie beeinflußt. Also werden durch eine Entziehung oder Veränderung möglicher Beiträge zum Prozeß der öffentlichen Meinungsbildung eben diese durch die Tätigkeit der FSK beeinflußt. Somit ist die Tätigkeit der FSK auch materiell als Zensur zu charakterisieren.

5.3 Resümee

Im Rückblick auf diese Arbeit gibt es einige Aspekte der FSK, die einen ins Stirnrunzeln verfallen läßt. Schon der Name „freiwillige" Selbstkontrolle läßt einen ins Grübeln kommen. Ist die Vorlage bei der FSK wirklich freiwillig? Eigentlich nein. Es besteht zwar keine generelle Vorlage- und Bewilligungspflicht (dies verstöße nämlich gegen das grundsätzliche Zensurverbot), jedoch dürfen Filme, die nicht der FSK vorgelegt wurden niemandem unter 18 zugänglich gemacht werden. Dabei spielt der Inhalt keine Rolle. Deshalb sind Verleiher und Kinobetreiber sehr darauf bedacht, eine FSK-Freigabe zu erlangen, ja, sie nehmen sogar Schnitte und Änderungsauflagen in Kauf. Und wie sieht es mit der Akzeptanz der FSK aus? In einer kurzen Selbstdarstellung auf der Website der FSK heißt es: „Im Lauf ihrer Geschichte – von 1949 bis heute – hat sich die FSK von einem reinen Kontrollgremium zu einer allseitig akzeptierten Institution gewandelt, die..." Man sieht, die FSK hält sich selbst für allseitig akzeptiert. Wie im Abschnitt „Meinungen" gesehen, ist dies anscheinend nicht der Fall, obwohl es nur einige wenige Meinungsäußerungen waren. Ich denke, das liegt aber daran, daß noch lange nicht jeder seine Meinung kund tut - egal ob er nun eine strengere Bewertung wünscht oder eine legerere Beurteilung und das Unterlassen von Schnitten fordert - obwohl sich wohl jeder schon einmal über eine Altersfreigabe der FSK gewundert hat. Hinzu kommt, daß die meisten Menschen einfach nicht wissen, was die FSK genau macht, daß sie z.B. auch Schnitte vornimmt. Bei den meisten ist es wohl eher ein Hinnehmen, anstatt ein Akzeptieren. Und bei einem kleinen Teil des Publikums, den Cineasten, entsteht Ärger über die nicht selten rigorosen Veränderungen im Film.

In dem Abschnitt Meinungen befinden sich mehrere Zitate von Leserbriefen aus der CINEMA. In denen geht es um den Film „Sleepy Hollow". Hierzu möchte ich noch eine Begründung der FSK, warum dieser Film ab 12 Jahren freigegeben ist, nachliefern:

„- Die märchenhaften, ironischen Züge der Handlung und die unwirkliche

Atmosphäre sorgen dafür, daß die Geschichte keinen Realitätsbezug bekommt.

- Der Verlauf des Films zeigt deutlich und nachvollziehbar, daß das Übernatürliche durch sehr menschliche und reale Vorgehensweisen beherrschbar ist.

- Der Detektiv bietet sich als positive Identifikationsfigur an.

- Die altertümliche Tötungsart des Köpfens wurde als nicht mehr wirklichkeitsnah beschrieben und auf Grund des häufigen Wiederholens wurde ihre zunächst schockierende Wirkung im Verlauf des Films als sich abschleifend empfunden.

- Die Mehrheit des Ausschusses votierte für eine Freigabe ab 12 Jahren, da die Kriminalgeschichte Gewalt und Tötung in den fiktionalen Kontext des Schauermärchens einbettet und von diesen zunächst belastenden Filmszenen keine anhaltende gefährdende Wirkung zu erwarten sei."

Also kommt es auf den Realitätsbezug bei der Filmbewertung an? Der zweite Teil des Films „From Dusk til Dawn" beispielsweise ist auch nicht gerade realistisch, weist „ironische Züge in der Handlung" und eine „unwirkliche Atmosphäre" auf. Nebenbei gesagt ist die „altertümliche Tötungsweise" von Vampiren, ihnen einen Holzpflock ins Herz zu stoßen nicht mehr „wirklichkeitsnah". Außerdem wiederholt sich dieser Tötungsvorgang in dem Film so oft, daß dieser schon als „sich abschleifend" empfunden werden kann. Trotzdem ist „From Dusk til Dawn" nicht unter 18 Jahren freigegeben. Will Film überhaupt real sein? Dieser Frage könnte man durchaus filmwissenschaftlich nachgehen, doch ganz spontan würde ich sagen, daß Film entweder verschiedene Aspekte (z.B. soziale Mißstände, etc.) aufzeigen oder einfach nur unterhalten will. Natürlich sagt man des öfteren über einen Film, „das hätte wirklich so passieren können". Aber ich kenne niemanden, der dies mal über einen Horror-Film gesagt hat. Ich persönlich denke, daß es eine Einrichtung wie die FSK geben sollte. Ich finde es in Ordnung, daß manche Filme den Augen von Kindern und Jugendlichen fern bleiben. Allerdings sollten mündige Erwachsene selbst entscheiden können, was sie sehen wollen und was nicht. Deshalb stört mich die offensichtliche Willkür, mit der die FSK nicht selten zu Werke geht. Außerdem sollte meiner Meinung nach nicht an den vorgelegten Filmen geschnitten werden. Denn wer weiß schon, was einem da alles entgeht? Niemand, nur die Prüfer der FSK.

 

Anhang

Literaturverzeichnis

 

 

· Bundesministerium des Inneren (Hrsg.): Medien und Gewalt. Bonn 1996.

· CINEMA (Kinozeitschrift). Ausgabe Mai 2000.

· Film und Fakten. Eine Veröffentlichung der FSK.

· http://www.fsk.de

· Noltenius, Dr. Johanne: Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft und das Zensurverbot des Grundgesetzes. Göttinger rechtswissenschaftliche Studien. Göttingen 1958.

· Seim, Roland: Zwischen Medienfreiheit und Zensureingriffen. Eine medien. Und rechtssoziologische Untersuchung zensorischer Einflußnahmen auf bundesdeutsche Populärkultur. Münster 1997.

· tv diskurs. Zeitschrift der FSF Berlin.

 

 

   
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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