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    Texte zum Thema Zensur
    aus den Seminaren 2000/2001
    Zwischen Medienfreiheit und Zensureingriffen
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  Seminar Sommersemester 2000:
"Zensur und Verbote in den
populärkulturellen Medien Deutschlands"
   
 

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  Jessica Katzmann
 


"Was heißt hier
schon pervers?"
Die Faszination
des Verbotenen



 

 

I. Was ist Pornographie – Was ist überhaupt verboten?

Die Frage, was beispielsweise ein pornographischer Film ist wird von den meisten Menschen schnell und für sie eindeutig beantwortet: ein Pornographischer Film ist ein Film dessen Handlung auf sexuelle Aktivität begrenzt ist, wobei die Rollen die die Darsteller verkörpern eigentlich unwichtig sind und die Herausarbeitung von Charakteren keine Rolle spielt, auch die Produzenten sind einem im allgemeinen unbekannt. Diese Definition ist jedoch fraglich, was ist zum Beispiel wenn die Handlung eines Filmes zwar nahezu ausschließlich aus der Aneinanderreihung sexueller Kontakte besteht, er jedoch von einem namhaften Regisseur, wie zum Beispiel Tarrantino gedreht wurde. Ist dieser Film dann nicht pornographisch? Und wer sagt, daß sexuelle Aktivität keine Handlung ist?

Rechtlich gibt es genaue Kriterien, was als Pornographie behandelt, und was nicht.

Ist auf den ersten Blick ein entkleideter Körper einer Frau zusehen, so ist dies zunächst nach § 184 keine Pornographie. Sind auch auf den zweiten Blick keine Schamlippen zusehen. So handelt es sich um ein freiverkäufliches Medium ( sei es Film oder Heft) welches am Kiosk oder im Supermarkt gehandelt werden darf.

Sind jedoch Schamlippen zusehen, so wird das Medium indiziert und darf nur unter dem Ladentisch, bzw. für unter 18 jährige unzugänglich gehandelt werden. Bei der Abbildung sexueller Kontakte handelt es sich im Sinne des § 184 immer um Pornographie. Finden die abgebildeten sexuellen Kontakte zwischen Erwachsenen ohne Gewalt statt, so handelt es sich um sogenannte "normale Pornographie". Diese Medien dürfen in Sexshops und über 18 Videotheken gehandelt werden.

Wenn Gewalt, Kinder oder Tiere abgebildet sind, handelt es sich hingegen um "harte Pornographie". Diese Form der Pornographie ist verboten und findet sich ausschließlich auf dem Schwarzmarkt.

II. Rezeption von Pornographie.

Es gibt verschiedene Rezeptionsphasen:


1) Wunsch sich anregen zu lassen

2) Suche und Erwerb des Materials

3)Aufnahme der sexuellen Botschaft

4)Aufbau sexueller Motivation

5)Ausführen einer sexuellen Handlung

6)Nachherige Vorgänge
 

Diese Phasen laufen allerdings nicht notwendig und nicht immer vollständig ab.

Der Wunsch kann ungeplant aus der zufälligen Konfrontation mit Pornographie entstehen, dann geht es gleich mit der Aufnahme weiter oder der Wunsch entsteht erst während der Ausführung einer sexuellen Handlung. Der Ablauf dieser Phasen kann natürlich jederzeit unterbrochen werden, zum einen durch Störungen von außen, zum anderen aber auch durch den Konsumenten selbst, der feststellt, daß der Aufwand sich als zu hoch erweist. Diese Phasen zeigen in welch großem Ausmaß der Akteur selbst handelt.

Der Wunsch sich anregen zu lassen ist typisch für Sexualität im Allgemeinen. Das Bedürfnis seine Phantasie zu benutzen und in andere Welten abzutauchen ist ganz alltäglich. Jeder sinnliche Reiz kann eine sexuelle Motivation hervorrufen.

III. Konsumenten

Nach Befragung von Konsumenten entwickeln Roland Eckert u.a. in ihrem Buch "Grauen und Lust" - Inszenierung der Affekte 3 verschiedene Konsumenten Typen

1. Der Fremde

Er steht meist am Anfang seiner Videocarriere und will sich einen Einblick in die verschiedenen Genres des Videomarktes verschaffen. Im Zuge dessen holt er sich auch mal einen Pornofilm aus der Videothek. Er Hat meist keine konkreten Vorstellungen was ihn erwartet. Der Griff zu einem Film in der großen Auswahl des Genres ist ungerichtet und wird nur von den Abbildungen des Covers geleitet. Auch später erinnert sich der Fremde nicht an Titel oder Produktionsfirmen, die Darsteller sind ihm ohnehin unbekannt. Er kennt auch kaum andere Pornokonsumenten. Die Erfahrungen die er beim Konsum macht führen sehr schnell dazu daß er sich ein Urteil bildet. Entweder findet er den angeschauten Film langweilig oder ekelhaft und bildet sich somit ein negatives Urteil vom ganzen Genres. ( in diesem Fall ist nicht von einem erneuten Konsum auszugehen).

Wenn er jedoch positive Erfahrungen macht, das heißt wenn er die Filme als Abbilder seiner Phantasie erlebt kann daraus durchaus ein häufiger Konsum und stärkere Spezialisierung entstehen und er wechselt in die Gruppe der Touristen.

2) Der Tourist

Für den Tourist ist das konsumieren eines Pornofilms mit dem zeitweisen Ausstieg aus dem Alltag gleichzusetzen. Das alltägliche Fernsehprogramm wird durch den Videokonsum durchbrochen. Er ist gezielt auf der Suche nach spezifischen Erfahrungen. Im Unterschied zum Fremden nutzt er Pornographie häufiger aber nicht regelmäßig. Bei der Auswahl der Filme selektiert er viel stärker als der fremde. Das Aussehen der Darsteller, das Alter und Ambiente des Films spielen eine wichtige Rolle. Außerdem besitzt er bereits Kenntnisse über verschiedene Produktionsfirmen, die ihm Aufschluß über die Qualität der Filme geben.

Zitat eines Konsumenten:

" ...meistens suche ich mir die Filme von der Umschlaghülle her aus, vor allem die Hüllen, die ein Bißchen besser gemacht sind. Wichtig sind natürlich auch die Marken...."(Zitat aus "Grauen und Lust" übernommen)

3) Der Buff

Für ihn ist Pornonutzung ein regelmäßiges Ritual und häufig an feste Orte gebunden.

Sie dringt auch in sein Privatleben ein, zum Beispiel bei der Gestaltung seines Schlafzimmers. (große Doppelbetten, TV und Videogeräte, erotische Bücher und Fotografien).

Der Buff leiht sich täglich oder zumindest 1-2mal wöchentlich ein Video aus. Es genügt ihm nicht sich Filme auszuleihen, er will sie auch besitzen, deshalb kopiert er sich Filme oder kauft sich Kassetten. Das gibt ihm die Möglichkeit Filme mehrmals anzuschauen und immer einen Film zuhause zu haben. Er nutzt auch andere Selektionskriterien bei der Auswahl der Filme wie zum Beispiel Trailer die in geraffter Form über Neuerscheinungen informieren und auf bestimmten Kassetten zusammengefasst sind.

Zitat eines sog. Buffs:

"...ich suche mir Filme von namhaften Herstellern raus, also von Beate Uhse und ich frag manchmal die Verkäuferin oder die Leute die da arbeiten, ob sie einen wirklich guten Porno haben."(aus " Grauen und Lust" übernommen)

Der Buff pflegt auch Kontakte zu anderen Pornokonsumenten und tauscht mit ihnen Filme und Wissen. Er zeichnet sich durch ein umfassendes Filmwissen aus, welches sich häufig nicht nur auf das Pornogenre beschränkt. Das Sexualleben des Buffs ist durch die regelmäßige Pornonutzung geprägt. Das führt in Einzelfällen bis zur szenisch genauen Imitation der inszenierten Praktiken.

  

III. Verbotsumgehungsstrategien

Die Gewaltdarstellung und die Darstellung der Pornographie ziehen einen großen Anteil ihrer Faszination aus dem Tabuisierten und dem Verbotenen. Die Aushebelung der Zensurmechanismen wird in den Kreisen der Konsumenten als kämpferisches Verfechten von Freiheitsansprüchen, als Provokation und als Auflehnung gegen die Prüderie der Gesellschaft gesehen. Autoren, Verleger und Drucker haben aufgrunddessen das sie im ältesten Massenmedium arbeiten die längste Erfahrung mit Verboten und somit auch mit den Verbotsumgehungsstrategien. Es werden Strategien entwickelt wie beispielsweise Angabe falscher Erscheinungsdaten, fingierte Autoren bzw. Produzenten oder falsche Angaben des Druckortes.

Auch die Wiederveröffentlichung zensierter Materialien ist ein beliebtes Mittel der Zensurumgehung, dabei werden die Filme oder Bücher unter falschem Herrstellernamen und anderem Titel bei einem anderen (teilweise ausländischen ) Verlag wiederveröffentlicht.

IV. Die Faszination des Verbotenen

Der Reiz der Verbotenen Produkte und Medien liegt häufig genau im Verbot selbst begründet. Durch die Zensur entsteht somit ein regelrechter Kult um die verbotenen Medien.

Es ist also nicht nur der Inhalt, der die Käufer und Konsumenten sich für zensierte Medien zu interessieren, sondern auch oder vor allem der Reiz ein solches verbotenes Stück zu besitzen.

So bilden sich Schwarzmärkte auf denen Verbotene Pornographika gehandelt werden.

Es ist zu beobachten das die Faszination der Fangemeinde steigt je strenger die Gesetze werden. Denn durch das Überschreiten von Grenzen und Tabus entsteht in den Konsumenten ein Gefühl von Macht und Stärke. Gleichzeitig grenzt sich der Konsument durch den Kauf eines verbotenen Mediums von der Gesellschaft ab.

 

Literatur:

Beier, Georg u.a. Jugend und Pornographie. Tatbestände Auswirkungen Konsequenzen. Hamm. 1986

Eckert, Roland u.a. : Grauen und Lust – Inszenierung der Affekte. Pfaffenweiler. 1991

Ertel, Henner: Erotika und Pornographie. Repräsentative Befragung und psychophisiologische Langzeitstudie zu Konsum und Wirkung. München. 1990

Gorsen, Peter : Sexualästhetik. Reinbek. 1972

Kappeler, Susanne: Pornographie. Die Macht der Darstellung.1988

Lautmann, Rüdiger und Michael Schetsche Das pornographische Begehren. Frankfurt a.M. , New York. 1990

 

   
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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