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  Seminar Sommersemester 2000:
"Zensur und Verbote in den
populärkulturellen Medien Deutschlands"
   
 

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  Anja Wittenberg
 


Anything goes?

Zensur in Presse und Werbung

 

 

1. Einleitung

„Anything goes!" - „Werbung ist die wahre Kunst unserer Zeit!"

Nicht nur über Geschmack, sondern auch über diese beiden Statements lässt sich streiten. Während der Kunst ein größeres Maß an künstlerischer Entfaltung zugesprochen wird, lässt das Auge der Öffentlichkeit in Werbung und Presse nicht alle Publikationen gelten, auch wenn diese objektiv betrachtet den rechtlichen Rahmen einhalten.

Während ein reines Kunstwerk für sich selbst wirbt, will Werbung auffallen und provozieren für kommerzielle Zwecke. Wie alle anderen populärkulturellen Medien prägt sie das gesellschaftliche Bild, beeinflusst aber vor allem Konsumentenmeinungen und Käuferverhalten und unterliegt deshalb auch bestimmten Kontrollen. Im Gegensatz zu den „Hochkulturen", wie beispielsweise Theater und Bildende Kunst, wird Werbung als Massenware gehandelt, die im öffentlichen Alltag omnipräsent ist und versucht den Zeitgeist der Gesellschaft zu treffen. In der Schnelllebigkeit der modernen Informationsgesellschaft müssen ständig neue Wege entwickelt werden, damit sich alte und neue Produkte gegen die Konkurrenz auf dem Markt durchsetzen. Dafür liefern Sex und Gewalt die auffälligsten Werbemotive und lösen mit einigen nackten oder grausamen Bildern in Werbeanzeigen Kritik, Protest oder gar öffentliche Diskussionen aus.

Werbung steht als Massenmedium, das Meinungen beeinflusst, im Licht der Öffentlichkeit und wird zum Schutz des Allgemeinwesens beobachtet und kontrolliert. So wie der Presserat journalistische Publikationen auf deren moralische Vertretbarkeit überprüft, wacht der Deutsche Werberat über Sitten und Anstand in der Werbewelt.

Im Folgenden soll es um den Wirkungskreis von Presse- und Werberat gehen und um die Ursachen für Zensur und Kontrolle in der Werbung.

Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Schockwerbung, einer modernen Werbestrategie, die durch die Kampagnen des Textilunternehmens Benetton ab 1994 für öffentliches Aufsehen sorgte.
 

2. Der Presserat - Das Selbstkontrollorgan der deutschen Printmedien?

Der deutsche Presserat kontrolliert anhand eines sogenannten „Pressekodex" die moralisch-ethische Gültigkeit von Print-Produkten.

In Reaktion auf Beschwerden von Bürgern oder Medienvertretern agiert der Presserat ebenso wie die Bundesprüfstelle (BPS) und auch der Werberat in Form einer Nachzensur.

Gegründet wurde dieses Kontrollorgan nach britischem Vorbild des „Press Council" am 20. 11. 1956 von einer Gruppe Verlegern, die sich als „Zusammenschluss gleichberechtigter, unabhängiger und nicht an Weisungen gebundene Persönlichkeiten" verstanden.

Der Presserat sieht sich selbst als die moralische Instanz eines „Ehrengerichts", das keine materiellen Strafen und Sanktionen verhängen kann, sondern öffentlich mahnt oder rügt, wenn Journalisten mit ihren Publikationen gegen publizistische Grundsätze oder die Inhalte des Pressekodex verstoßen.

Ziel ist dabei einerseits die Informations- und Pressefreiheit einer demokratischen Gesellschaft zu verteidigen und andererseits journalistische Arbeiten in Hinblick auf ethisch-moralische Werte zu kontrollieren. Die Selbsteinschätzung des Presserates verdeutlicht die gewählte Schiedsrichter-Funktion zwischen Medienproduzenten und Mediennutzern:

„Das Selbstkontrollorgan der deutschen Printmedien, das im Falle einer Beschwerde die journalistische Leistung an seinem Pressekodex misst, versteht sich als Mittler zwischen Bürger und Presse."
( Deutscher Presserat – Jahrbuch 1995: 10)

Seine Wirksamkeit erreicht der Presserat allerdings nur über öffentlichen Druck, indem er angemahnte Publikationen öffentlich bekannt gibt und journalistisches Fehlverhalten in der Presse rügt. Im Gegensatz zu gerichtlichen Urteilen und Strafen bei Verstößen gegen staatliche Gesetzestexte versucht der Presserat Journalisten anhand des Pressekodex zu maßregeln und sie in ihre Schranken zu weisen.

Den Trägerverein des Presserates bilden der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, der Deutsche Journalisten Verband (DJV), die IG Medien und der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger. Diese Medieninstitutionen verfolgen als gemeinsame Aufgabe den Schutz der Pressefreiheit, die Feststellung und Beseitigung von Missständen im Pressewesen, die Beobachtung struktureller Entwicklungen in der deutschen Presselandschaft zur Abwehr von freiheitsgefährdenden Monopolbildungen und die Interessensvertretung der deutschen Presse vor der Regierung, dem Parlament und der Öffentlichkeit. Der Rat vertritt eine kommunikationswissenschaftlich fundierte Medienethik für Journalisten zur Wahrung von seriöser, verantwortungsvoller und glaubwürdiger Berichterstattung und kontrolliert im Beschwerdefall, ob Journalisten gegen die Inhalte des Pressekodex oder gegen die Publizistischen Grundsätze verstoßen haben.

Die Richtlinien für die publizistische Arbeit nach den Empfehlungen des Deutschen Presserates, die am 14.2. 1990 neu verabschiedet wurden, dienen nicht nur der Beurteilung von Beschwerden, sondern auch als Orientierungshilfe für Entscheidungen im journalistischen Alltag. Die einzelnen Ziffern des Pressekodex sind thematisch geordnet und beschäftigen sich mit verschiedenen journalistischen Aufgabenbereichen. In Form eines Leitfadens werden zu jedem Handlungsfeld Vorschriften angeführt, beispielsweise dass vor einem Interview die Autorisierung der Gesprächsteilnehmer eingeholt werden muss, in welcher Form Leserbriefe oder Richtigstellungen abzudrucken sind, inwiefern Berichterstattungen über Straftaten legitim sind.

Ebenso dient das „Schwarz weiß Buch – Spruchpraxis des Deutschen Presserates" mit über 250 Beanstandungen und Beschwerdefällen Journalisten als Orientierungs- und Entscheidungshilfe.

Allgemein kritisiert wird am Presserat, dass die wirtschaftlichen Interessen der Verleger, die den Trägerverein bilden, stärker seien im Sinne der Wettbewerbsfreiheit als die journalistischen Ziele der Pressefreiheit. Darüber hinaus wird die Wirksamkeit des Presserates in Frage gestellt, da er in der Regel auf Beanstandungen von Veröffentlichungen reagiert. Die Inhalte der Artikel werden nicht vor ihrer Veröffentlichung kontrolliert, sondern erst, wenn die massenmediale Verbreitung schon erfolgt ist und beispielsweise diskriminierende Inhalte bereits ihre Leser gefunden haben. Außerdem kann der Rat publizistische Normverstöße nur öffentlich rügen und verhängt keine wirksamen Strafen, die Journalisten davon abhielten weiter gegen publizistische Grundsätze zu verstoßen.


2.1. Der Werberat - Das schlechte Gewissen der werbetreibenden Wirtschaft?

Die Kommerzialisierung der Medien wird in der Öffentlichkeit zunehmend kritisiert, so dass die Werbetreibenden vom Druck der öffentlichen Meinung zur Selbstverantwortung gedrängt werden und dem negativen Image einer „verrohenden" Werbung entgegenwirken müssen. Zentrale Frage dabei ist im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Wertewandel, inwiefern die Werbung diesen abbilden darf ohne den Rahmen allgemein gültiger Emotionen und Moralvorstellungen zu sprengen.

Der „Zentralausschuss der Deutschen Werbewirtschaft e. V." (ZAW) strebt den reibunglosen Ablauf des Werbegeschäfts im Bereich Produktion und Dienstleistung an und gründete am 13.4. 1972 den Deutschen Werberat, der seitdem als Konfliktregler zwischen werbetreibenden Firmen und Beschwerdeführern der Bevölkerung agiert und sich als das selbstdisziplinäre Gewissen der Werbebranche versteht.

Laut Volker Nickel, Geschäftsführer vom „ZAW-Gemeinschaftswerk Öffentlichkeitsarbeit", will der Werberat die Veröffentlichung von Texten und Bildern vermeiden, die von Werbungtreibenden und Umworbenen als geschmacklos und anstößig empfunden werden und deshalb zu missbilligen sind. Ferner sieht er den Werberat als „das ethische Handwerkszeug, mit dem moralisches Fehlverhalten in der Wirtschaft korrigiert werden kann".

Bürger können sich über Werbeaktionen (Anzeigen, Plakate, etc.) beschweren, die sie für moralisch unvertretbar halten, und mit Hilfe des Werberates ganze Kampagnen stoppen lassen, auch wenn diese rechtlich einwandfrei sind. Der Werberat veranlasst zwar auch eigeninitiativ Änderungen von Werbekampagnen oder rügt diese öffentlich, aber in der Regel reagiert er auf Beschwerden und Kritiken der Konsumenten. Mittels der „einstweiligen Verfügung" können zweifelhafte Werbepublikationen mit sofortiger Wirkung eingestellt werden.

Angeprangert werden meist Kampagnen, die in Motiven oder Texten brisante gesellschaftspolitische Themen aufgreifen um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, deren Aussagen aber mit der öffentlichen Moral und religiösem Empfinden nicht vereinbar sind. Die aktuelle Ausgabe des Jahrbuchs der Werbung thematisiert unter anderem als Brennpunkt 2000 die Würde der Frau, da sich im Vergleich zu früheren Werbejahren Anzeigen mit frauendiskriminierenden Inhalten häuften .

Eine Stellungnahme des Werberates zu diskriminierender Werbung aus dem Jahr 1991 verdeutlicht, dass Werbung als populärkulturelles Medium die öffentliche Meinung prägt und den Konsumenten keine abwertenden Urteile gegenüber bestimmten Gruppen vermitteln darf:

„Darstellungen und Aussagen in der Werbung dürfen nicht die Menschenwürde und das allgemeine Anstandsgefühl verletzen... Deshalb darf vor allem nicht der Eindruck erweckt werden, dass Menschen wegen ihres Geschlechts, wegen ihrer Herkunft oder ihrer Anschauungen minderwertig seien oder in Gesellschaft, Beruf oder Familie willkürlich behandelt werden können." (Jahrbuch Deutscher Presserat 1995)

Im Jahrbuch des Werberats sind verschiedene Beschwerdebeispiele und deren Handhabung durch den Werberat angeführt, damit Werbungtreibende diese in künftigen Kampagnen berücksichtigen und somit Kritiken und Werbestopps in ihrer Anzahl möglichst reduziert werden können. Insgesamt gingen im Jahr 1999 beim Werberat 401 Proteste ein, die sich gegen 253 Werbemaßnahmen richteten. Davon sind einige Fälle nicht vom Werberat zu entscheiden, weil es sich entweder nicht um Wirtschaftswerbung handelte, bei Rechtsverstößen andere Institutionen zuständig waren oder die Beschwerdeführer ihre Rechte selbst geltend machen sollten. Von den 188 Werbemaßnahmen, die in die Entscheidungskompetenz des Gremiums fielen, erklärten sich 77 Werbungtreibende bereit, die Werbemaßnahme nicht mehr zu schalten, 5 erklärten sich bereit, die Maßnahme zu ändern, in 6 Fällen wurde öffentlich gerügt und 100 Werbekampagnen wurden von Kritik freigesprochen.

Beispielsweise wurde das Werbeplakat eines Kreditinstituts kritisiert, auf dem ein Baby seinen nackten Po in die Höhe streckte. Der Beschwerdeführer argumentierte, dass sich Kinderschänder durch das Bild motiviert zum Missbrauch von Babys motiviert fühlten. Der Werberat teilte zwar das allgemeine Unbehagen über zunehmende Fälle von Kinderpornographie, lehnte die Beschwerde aber als extreme Interpretation des Werbefotos ab. Ferner warb eine Möbelfirma mit dem Bild eines kleinen Mädchens und dem Spruch „Zur Hochzeit hat er mir eine Küche von (...) versprochen" und löste damit die Kritik einer Beschwerdeführerin aus, dass Frauen als unterwürfig gegenüber Männern und von ihnen abhängig dargestellt würden. Der Werberat wies die Klage ab, weil der Text erkennbar humorvoll und pointiert und keinen negativen Beigeschmack hätte.

Der Deutsche Werberat rügt Unternehmen immer dann öffentlich, wenn diese trotz einer Beanstandung die Werbemaßnahme weiter schalten.

Beispielsweise wurde die Firma Sisley gerügt – ein zur Benetton-Gruppe gehörendes Textilunternehmen – weil zahlreiche Bürger ein Plakatmotiv als anstößig empfanden. Die Abbildung zeigt eine junge Frau, die ein Lamm in den Armen hält und so breitbeinig sitzt, dass ihr offensichtlich menstruationsbedingt blutbefleckter Slip zu sehen ist. Das Maul des Lamms ist ebenfalls blutig. Der Werberat teilte die Ansicht der Beschwerdeführer, die darin einen Bezug zur Sodomie sahen und eine Verletzung der Würde der Frau. Da das Unternehmen trotz Ermahnungen die Kampagne nicht zurückzog, wurde es vom Werberat öffentlich gerügt.

Es ist anzunehmen, dass die Firma Sisley die öffentliche Kritik gegen die provokative Kampagne als Teil ihrer Schockwerbung erwartet hatte. Hier lässt sich ähnlich wie beim Presserat die Kritik üben, dass nachträgliche Rügen nicht viel mehr ausrichten, als die Publicitiy von Werbepublikationen eher zu steigern als zu mindern, wie sich besonders am Beispiel der Benetton-Kampagnen zeigt.


3. „Shock sells" – Die Wirksamkeit von Schockwerbung am Beispiel der Benetton-Kampagne ´94

Das italienische Textilunternehmen Benetton hat seit Beginn der 90er Jahre mit seiner Werbestrategie immer wieder für internationales Aufsehen gesorgt. Ausschlaggebend waren die vom Werbefotografen Oliviero Toscani aufbereiteten Anzeigen, die aktuelle Not- und Katastrophensituationen abbildeten. Themen wie Sex, Religion, Rasse, Leben und Tod wurden mit provozierenden Motiven direkt über dem Claim des Bekleidungsunternehmens „United colors of Benetton" abgebildet. So lösten beispielsweise Bilder von elektrischen Stühlen, einer blutverschmierten Uniform eines im Jugoslawien-Krieg gefallenen Soldaten und Aids-Kranke im Format von Großflächenplakaten regelrechte Schockeffekte aus und wurden vom ZAW in Bad Homburg als „makaber, beschämend und entwürdigend" bezeichnet.

Das Foto eines neugeborenen Säuglings mit Nabelschnur löste weltweit derartige Proteste und Verbote aus, dass es in Italien als auch in Deutschland entfernt werden musste, weil der Werberat der Ansicht war,

„dass viele den Anblick eines Neugeborenen eklig und geschmacklos finden."

Plakate, die menschliche Körperteile, denen der stigmatisierende Stempel „H.I.V. positive" in die Haut gebrannt ist, abbildeten, wurden zunächst in Frankreich als provozierende Ausbeutung des Leidens bewertet. Anfang 1995 verurteilte das Landesgericht Paris Benetton zu einer Strafe von 50.000 Franc, die das Unternehmen an drei H. I. V.–Infizierte als Entschädigung zahlen musste.

Infolge der Proteste klagte schließlich auch der ZAW das Unternehmen Benetton an, so dass die bundesdeutsche Rechtssprechung im Anklageverfahren folgende Motive wegen Verstoß gegen §1 UWG als wettbewerbswidrig erklärt hat:

ein Körperteil, dem der stigmatisierende Stempel „H.I.V. positive" in die Haut gebrannt ist

ein Aids-Toter

- eine auf einem Ölteppich schwimmende, völlig mit Öl bedeckte Ente

- Kleinkinder der sogenannten dritten Welt bei schwerer körperlicher Arbeit, beim Stapeln und Verladen von Ziegelsteinen

- Farbige, die sich in einem Transport-Container gedrängt befinden, und weitere Farbige, die versuchen mit ihren Kindern den Container zu erreichen; daneben ein Kleinstkind, das in den Container gezerrt wird während Soldaten mit Maschinengewehren daneben stehen

- ein farbiger Kämpfer mit Menschenknochen.

Die Motive der Benetton-Kampagne können beim Betrachter verschiedenste

Emotionen auslösen, die von Mitgefühl und Mitleid bis hin zu Ohnmacht reichen, weil man nichts dagegen unternehmen kann, oder Angst, dass man selbst in eine der dargestellten hilflose Situationen geraten könnte.

Das Oberlandesgericht Frankfurt erklärte das obig beschriebene Anzeigenmotiv des Transportcontainers als geschmacklos und sittenwidrig, da eine menschliche Leidens- und Notsituation benutzt werde um beim Betrachter Mitleid auszulösen. Dieses Mitgefühl nutze Benetton zu Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen werblich aus. Die Werbebotschaft enthält darüber hinaus keine Informationen zu Qualität oder Preis des umworbenen Produkts, so dass es sich hierbei um rein emotional wirkende Werbung handelt. Nach Ansicht bekannter Marketingwissenschaftler ist Werbung in den häufigsten Fällen eine Mischung aus verschiedenen aktivierenden Reizen, die zusammen einen informativ-emotionalen Wirkungscharakter erzeugen.

Die Effektivität rein emotional wirkender Werbung wird in Frage gestellt, da beispielsweise bei einem zu starken Bedrohungseffekt der Kontakt mit der Werbebotschaft von den Verbrauchern vermieden bzw. verdrängt wird. Für den Erfolg rein emotional wirkender Werbung ist wichtig, dass sie dem Betrachter zu dem angesprochenen, angstauslösendem Problem eine Lösung anbietet.

Das Werbemotiv, das einen Körperteil eines Menschen zeigte, dem der stigmatisierende Stempel „H.I.V. positive" in die Haut gebrannt war, wurde vom OLG Frankfurt als sittenwidrig gesehen, weil sie den schockierenden Eindruck erwecke, an Aids leidende Menschen würden wie Opfer des Holocaust ausgegrenzt und verfolgt. Das Leid dieser Menschen werde bedenkenlos für Produkt- und Unternehmenswerbung benutzt, wobei die reellen Probleme solcher Personen sachfremd und verzerrt wiedergegeben werden.

Da man mit Kleidungsstücken - selbst wenn sie von Benetton sind - keinen Krieg abwenden oder Aids bekämpfen kann, bleibt die negative Aussage der Werbemotive in den Köpfen der Rezipienten hängen. Eine Zuschauerumfrage, die der Sender RTL plus am 16. Februar 1994 in der Sendung „Stern TV" telefonisch zu den Benetton-Motiven „blutverschmierter Säugling" und „zerschossene Soldatenuniform" durchführte, ergab, dass 84% der Zuschauer diese Bilder als „geschmacklos" empfanden und nur 16% diese als „nicht störend" bewerteten.

Neben dieser Zuschauerreaktion zeigen öffentliche Stellungnahmen zuständiger bzw. betroffener Institutionen, dass diese Art von tabubrechender Werbung keinen Vorbildcharakter einnehmen darf. So meint beispielsweise der Sprecher der Frankfurter ZAW, Volker Nickel, dass mit den obig genannten Motiven mit Entsetzen Geschäfte betrieben werde. In Bezug auf die Abbildung der blutigen Soldatenuniform stellt er fest, dass dahinter die Intention stecke mit Hilfe eines grässlichen Krieges und der Visualisierung des Todes Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Diesbezüglich zeigt sich die Gesellschaft für bedrohte Völker betroffen und stellt Strafantrag mit den Worten:

„Im Angesicht von Völkermord, Massenvertreibung eines ganzen Volkes, planmäßigen Massenvergewaltigungen, Flächenbombardements und Millionen hungernder Menschen in den eingeschlossenen Städten versucht Benetton seinen Profit zu steigern."

Ob das Unternehmen den Umsatz dank der Schock-Kampagne steigern konnte, ist schwer einzuschätzen, da zwar der geringe Werbeetat (4% des Gesamt-Werbeetats) bekannt ist, aber nicht die Umsatzzahlen. Fakt ist, dass Benetton mit seiner schockierenden Werbestrategie trotz erfolgter Abmahnungen und Geldstrafen erreicht hat, was geplant war: Publicitywirkung. Sogar die „Tagesthemen" der ARD und auch ZDF und „Stern TV" von RTL widmeten sich der Anzeige mit dem blutbefleckten Kampfhemd des erschossenen kroatischen Soldaten. Zahlreiche Zeitungen beschäftigten sich mit Benettons blutigem Werbefeldzug, der Debatten auslöste, ob mit Entsetzen Werbung getrieben werden darf.


Ausblick

Presse- und Werberat wollen Moralapostel für Journalisten und Werbetreibende sein. Sowohl Werbeagenturen als auch Verlage und zugehörige Zeitungen bzw. Zeitschriften wollen gute Umsatzzahlen scheiben, die sie bestimmt nicht als moralische Vorbilder, sondern als Trendsetter mit möglichst hohem Sensationswert erreichen. Welcher Journalist hält sich wirklich an ethische Grundsätze, wenn er kurz davor ist sich mit „nackten Tatsachen" einen Namen samt vollem Konto zu verschaffen?

Die Kommerzialisierung des Fernsehens führt unter anderem zum Gaga-TV und bringt grenzüberschreitende Sendeformate wie „Big Brother" hervor. So geschieht es, dass Produzenten und Sender mit voyeuristischen Experimenten schlüpfrige Geschäfte betreiben, die Öffentlichkeit regt sich auf und trotzdem gucken (fast) alle zu.

Mehr Mitspracherecht hat der Einzelne bei Anzeigen und Artikeln durch Presse- und Werberat. Jeder Bürger kann gewisse Inhalte und Abbildungen aus persönlichen Gründen zensieren lassen, obwohl an diesen rechtlich nichts zu beanstanden wäre. Aber mal ehrlich: Wie oft kommt es vor, dass Konsumenten sich von einem Artikel oder einer Werbeanzeige persönlich verletzt fühlen und dagegen klagen wollen? Wenn man die tägliche Presseflut in Zahlen daneben stellt, vergleichsweise selten. Das sind die Ausnahmen, die Presse- und Werberat auf den Plan rufen. Der wirklichen Masse an grenzüberschreitenden Publikationen stehen sie als nachzensierende Institutionen eher kläglich gegenüber. Außerdem sind emotionale Schäden, die durch bereits publizierte Inhalte hervorgerufen wurden, auch durch nachträgliche Abmahnungen oder Zensuren nicht wieder gut zu machen.

Die Unternehmen, die als Teil ihrer Werbestrategie eine Schockwirkung erzielen wollen, kalkulieren etwaige Ermahnungen oder öffentliche Rügen des Werberates ein. Nur rechtliche Verstöße könnten zu gerichtlichen Verurteilungen und Geldbußen führen, die den Umsatz schmälern könnten. Am Beispiel des durchschlagenden Erfolges der Benetton-Werbekampagnen zeigt sich die Unfähigkeit des Werberates, der das schlechte Gewissen der Wirtschaft sein will: Trotz moralisch-ethischer Ermahnungen des Werberates stellte Benetton kaum Kampagnen freiwillig ein, weil der öffentliche Anstoß Teil der Werbestrategie war. Erst gerichtliche Urteile konnten bestimmte Anzeigen verbieten. Darüber hinaus hat Benetton das Ziel der Schockwerbung erreicht, nämlich die öffentliche Wirkung „in aller Munde zu sein".

So wie der holländische Fernseh-Produzent Endemol über anfängliche Zuschauerproteste zu „Big Brother" müde lächelte, ist sich auch der Benetton-Werbefotograf Oliviero Toscani sicher, dass die Grenzüberschreitung ein fortlaufendes Prinzip des Erfolges ist :

„New things are always attacked. But time is on our side,. What was shocking three years ago is accepted today."

Die Intentionen der der Medienproduzenten erscheinen als durchaus schlüssig und lukrativ, aber was geschieht mit den Mediennutzern? Wie äußert sich der Einfluss der populärkulturellen Medien auf Konsumenten, die nicht über die Grenzen des Geschmacks urteilen und Massenware konsumieren ohne den Hintergrund zu reflektieren?

Der Werbefotograf Toscani argumentiert mit der Freiheit der Kunst, die provozieren darf. Schließlich sei die Realität, die wir verdrängen viel brutaler:

Art is meant to be controversal... This is not tasteless. War is tasteless. Segregation, racism, religion..."

(aus: Sunday Times – Style Section 8, 04.12.1994, S. 3.)

So lange keine Rechte anderer verletzt werden und Presse- bzw. Werbeerzeugnisse den gesetzlichen Rahmen einhalten, ist es Aufgabe der Gesellschaft über die Grenzen des Geschmacks zu entscheiden. Dazu können Presse- und Werberat als „ schlechte Gewissen" instrumentalisiert werden.

 

5. Literatur

Kassebohm, Kristian (1995): Grenzen schockierender Werbung. Benetton – Werbung vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Interessen und juristischer Beurteilung, Diss., Berlin.

Seim, Roland (1997): Zwischen Medienfreiheit und Zensureungriffen, Diss., Münster.

Seim, Roland / Spiegel, Rolf (Hrsg.) (1999): „Ab 18", Band 2, Münster.

Der Spiegel 8/1994, S.78-80.

Sunday Times – Style Section 8, 04.12.1994

Toscani, Oliviero (1997): Die Werbung ist ein lächelndes Aas, Frankfurt a. M.

Trägerverein des Deutschen Presserates e. V. (Hrsg.) (1996): Jahrbuch Deutscher Presserat 1995, Bonn.

Trägerverein des Deutschen Presserates e. V. (Hrsg.) (1990): Schwarz Weiss Buch. Spruchpraxis des Deutschen Presserates, Bonn.

Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (Hrsg.) (2000): Jahrbuch Deutscher Werberat 2000, Bonn.

www.benetton.com

 

 

 

 

   
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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